Depeche Mode haben zwischen 1981 und 2023 fünfzehn Studioalben veröffentlicht. Acht davon standen in Deutschland auf Platz eins, zwei in Großbritannien, eines in den USA. Die Band gibt über 100 Millionen verkaufte Tonträger an. Angefangen hat das mit vier jungen Männern aus einer englischen Retortenstadt, einem geliehenen Synthesizer und einem Songschreiber, der nach dem ersten Album ging.
Der Bandname stammt aus einer französischen Modezeitschrift
Basildon in Essex ist eine nach dem Krieg auf dem Reißbrett gebaute Stadt vor den Toren Londons, gedacht als Entlastung für das ausgebombte East End. Dort finden sich 1980 Vince Clarke, Andrew Fletcher und Martin Gore zusammen, alle Anfang zwanzig, alle in Bürojobs bei Versicherung und Bank. Als Sänger kommt Dave Gahan dazu, der bei einer Probe "Heroes" von David Bowie singt und damit die Stelle bekommt.
Den Namen findet Gahan in einer französischen Modezeitschrift: Dépêche mode, wörtlich Modedepesche oder Eilmeldung der Mode. Daniel Miller nimmt die Band für sein Label Mute Records unter Vertrag. Überliefert ist, dass es dabei keinen geschriebenen Vertrag gab, sondern einen Handschlag und die Abmachung, die Erlöse zur Hälfte zu teilen. Miller produziert die frühen Platten selbst und bleibt der Band über Jahrzehnte verbunden.
Vince Clarke schrieb den ersten Hit und ging nach zwölf Monaten
Die erste Single "Dreaming of Me" erscheint im Februar 1981 und kommt in Großbritannien auf Platz 57, in Deutschland auf Platz 45. "New Life" schafft im Sommer Platz 11, "Just Can't Get Enough" im September Platz 8. Das Debütalbum "Speak & Spell" erreicht im Oktober 1981 Platz 10 in Großbritannien, Platz 49 in Deutschland und Platz 192 in den USA. Belegt sind mehr als 400.000 verkaufte Stück.
Fast alle Stücke stammen von Vince Clarke. Im November 1981 verlässt er die Band, gründet Yazoo und später Erasure. Zurück bleibt eine Popband ohne Songschreiber. Martin Gore übernimmt, und das zweite Album "A Broken Frame" entsteht 1982 zu dritt: Platz 8 in Großbritannien, Platz 56 in Deutschland, Platz 177 in den USA. Alan Wilder kommt 1982 dazu, zunächst nur für die Bühne. Auf einer Studioplatte ist er erst 1983 zu hören. Die verbreitete Darstellung, Wilder habe Clarke unmittelbar ersetzt, stimmt also nicht.
Mit "Construction Time Again" beginnt 1983 der harte Klang
Das dritte Album ist der Bruch. Wilder und Gore nehmen Geräusche auf und spielen sie über Sampler ab: Hammerschläge, Metall, zuschlagende Türen. Gareth Jones sitzt am Pult. Aus der freundlichen Synthesizerband wird eine Band mit Industrieklang und Texten über Konsum und Verteilung. "Everything Counts" wird das bekannteste Stück der Platte und bleibt bis heute im Konzertprogramm.
Die deutsche Chartplatzierung springt von Platz 56 auf Platz 7, die britische von 8 auf 6. In den USA taucht das Album gar nicht erst in den Charts auf. Deutschland wird ab hier für vierzig Jahre der wichtigste Markt der Band.
"People Are People" bringt 1984 den ersten deutschen Nummer-eins-Hit
Die Single steht 19 Wochen in den deutschen Charts und erreicht Platz 1, in Großbritannien Platz 4, in den USA Platz 13. Das ist der Durchbruch in Amerika, wo bis dahin nichts lief. "Master and Servant" folgt mit Platz 2 in Deutschland und Platz 9 in Großbritannien, der Text über Herrschaft und Unterwerfung bringt der Band Ärger mit Radiosendern.
Das Album "Some Great Reward" erreicht Platz 3 in Deutschland, Platz 5 in Großbritannien und in der Schweiz, Platz 19 in Österreich und Platz 51 in den USA. Es ist die erste Platte der Band mit US-Platin, belegt sind rund 1,31 Millionen verkaufte Stück. Ein einziges Album verkauft sich damit besser als die drei Vorgänger zusammen.
"Black Celebration" und "Music for the Masses" drehen die Stimmung ins Dunkle
1986 kommt "Black Celebration" und wird in der Schweiz das erste Nummer-eins-Album der Bandgeschichte. In Deutschland Platz 2, in Großbritannien Platz 4, in den USA Platz 90. Die Platte ist düster, langsam und der Punkt, an dem sich die Fangemeinde von der breiten Popkundschaft trennt.
"Music for the Masses" von 1987 trägt seinen Titel als Selbstironie und wird dann genau das. Platz 2 in Deutschland, Platz 10 in Großbritannien, Platz 35 in den USA, dort erneut Platin, insgesamt rund 1,79 Millionen belegte Verkäufe. "Never Let Me Down Again" erreicht Platz 2 in Deutschland und Platz 63 in den USA und ist bis heute das Stück, bei dem im Konzert die Arme der ganzen Halle mitwandern.
1988 spielt die Band in Ost-Berlin und füllt die Rose Bowl
Am 7. März 1988 tritt Depeche Mode in der Werner-Seelenbinder-Halle in Ost-Berlin auf, vor 6.481 Besuchern. Schon 1987 hatte das DDR-Label Amiga eine Kompilation unter dem Titel "Greatest Hits" gepresst, die es ausschließlich in der DDR gab. Wer die Band dort hörte, konnte damit zum ersten Mal eine legal gekaufte Platte besitzen statt einer vom Westradio überspielten Kassette. Das erklärt einen guten Teil der bis heute ungewöhnlich dichten Fangemeinde in Ostdeutschland.
Am 18. Juni 1988 endet dieselbe Tournee in der Rose Bowl in Pasadena vor mehr als 60.000 Zuschauern. Es ist das 101. Konzert der Tour. D. A. Pennebaker filmt den Abend, Anfang 1989 erscheinen Film und Live-Doppelalbum unter dem Titel "101". Eine Band, die in England lange als Teenagerkapelle abgetan wurde, füllt in Kalifornien ein Stadion.
"Violator" verkauft sich 1990 besser als die drei Vorgänger zusammen
Den Anfang macht "Personal Jesus" im August 1989: Platz 5 in Deutschland mit 27 Wochen in den Charts, Platz 13 in Großbritannien, Platz 28 in den USA und dort zweifach Platin. Im Februar 1990 folgt "Enjoy the Silence" mit Platz 2 in Deutschland, Platz 6 in Großbritannien, Platz 8 in den USA und dreifach Platin. 1991 gewinnt das Stück den Brit Award als beste britische Single. "Policy of Truth" kommt in den USA auf Platz 15 und liegt damit vor der britischen Platzierung von 16.
Das Album erscheint im März 1990: Platz 2 in Deutschland, Platz 4 in Österreich, Platz 2 in der Schweiz und in Großbritannien, Platz 7 in den USA, dort dreifach Platin. Die belegten Verkäufe liegen bei rund 4,67 Millionen Stück. Zum Vergleich: "Some Great Reward", "Black Celebration" und "Music for the Masses" kommen zusammen auf rund 4,26 Millionen. Zu einer Signierstunde in einem Wherehouse-Plattenladen in Los Angeles erscheinen rund 20.000 Menschen, die Veranstaltung kippt beinahe in einen Aufruhr.
1993 steht die Band überall auf Platz eins und zerlegt sich auf Tournee
"Songs of Faith and Devotion" erscheint im März 1993 und steht in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Großbritannien und den USA gleichzeitig auf Platz 1. Das ist in der Bandgeschichte einmalig geblieben. Die Platte setzt Gitarren, echtes Schlagzeug und einen Gospelchor gegen die reine Elektronik. "I Feel You" erreicht Platz 4 in Deutschland, Platz 8 in Großbritannien, Platz 37 in den USA.
Die zugehörige Tournee läuft vom 19. Mai 1993 bis zum 8. Juli 1994, umfasst 156 Konzerte und rund zwei Millionen Zuschauer. Der erste Abschnitt heißt Devotional Tour, der zweite ab 1994 Exotic Tour. Das Musikmagazin Q nannte sie später "the most debauched rock'n'roll tour ever". Die Bilanz passt dazu: Am 8. Oktober 1993 erleidet Gahan in New Orleans einen drogenbedingten Herzinfarkt, Gore hat zwei alkoholbedingte Krampfanfälle, und Fletcher steigt nach den Konzerten am 26. März 1994 in Honolulu aus und lässt sich für den Rest der Tournee vertreten.
Am 1. Juni 1995 kündigt Alan Wilder seinen Ausstieg an, nach dreizehn Jahren und sieben Studioalben. Am 28. Mai 1996 setzt bei Gahan nach einem Speedball aus Kokain und Heroin das Herz aus. Er ist zwei Minuten klinisch tot und wird vom Rettungsdienst zurückgeholt.
"Ultra" rettet 1997 die Band als Trio
Ein Jahr nach dem Herzstillstand erscheint das neunte Album und wird ein Erfolg: Platz 1 in Deutschland und Großbritannien, Platz 5 in den USA, rund 1,5 Millionen belegte Verkäufe. "Barrel of a Gun" kommt auf Platz 3 in Deutschland und Platz 4 in Großbritannien, "It's No Good" auf Platz 5 in beiden Ländern und Platz 38 in den USA.
Auf eine große Tournee verzichtet die Band zunächst, weil niemand wissen kann, ob Gahan sie durchsteht. Es bleibt bei einzelnen Auftritten. Erst 1998 geht Depeche Mode mit der Singles Tour wieder auf Welttournee.
Seit 2001 liefert die Band im Vierjahrestakt Alben auf Platz eins
"Exciter" (2001) erreicht Platz 1 in Deutschland, Platz 9 in Großbritannien und Platz 8 in den USA. "Playing the Angel" (2005) steht in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Platz 1. Auf dieser Platte schreibt Dave Gahan zum ersten Mal seit 1984 wieder Texte, und zwar für drei Stücke: "Suffer Well", "I Want It All" und "Nothing's Impossible", die Musik dazu stammt von Christian Eigner und Andrew Phillpott. Damit endet Gores Alleinstellung als Songschreiber nach mehr als zwanzig Jahren. Die Single "Precious" hält sich 25 Wochen in den deutschen Charts und erreicht Platz 2.
"Sounds of the Universe" (2009) ist das zwölfte Studioalbum: Platz 1 in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Platz 3 in den USA, die Single "Wrong" Platz 2 in Deutschland. Während der Tour of the Universe wird bei Gahan ein bösartiger Blasentumor festgestellt und operativ entfernt, Konzerte werden verschoben. "Delta Machine" (2013) und "Spirit" (2017) stehen erneut in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Platz 1. Die Global Spirit Tour läuft vom 5. Mai 2017 bis zum 25. Juli 2018, umfasst 130 Konzerte, zählt 2.470.918 Besucher bei einer Auslastung von rund 97 Prozent und spielt etwa 199,6 Millionen Dollar ein. Es ist die längste Tournee der Bandgeschichte. 2020 wird Depeche Mode in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, ausdrücklich mitsamt Clarke und Wilder.
Andy Fletchers Tod 2022 lässt ein Duo zurück
Am 26. Mai 2022 stirbt Andrew Fletcher mit 60 Jahren an einer Aortendissektion. Fletcher war das Mitglied ohne die auffälligen Beiträge: kein Songschreiber, kein Sänger, kein Studiotüftler. Seine Rolle waren die Organisation, das Geschäftliche und der Ausgleich zwischen Gahan und Gore, zwei Leuten, die ohne Vermittlung über Jahre kaum miteinander sprachen.
Die Arbeit am nächsten Album hatte 2020 begonnen. "Memento Mori" erscheint im März 2023 und steht in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Platz 1, in Großbritannien auf Platz 2, in den USA auf Platz 14. Die zugehörige Tournee läuft vom 23. März 2023 in Sacramento bis zum 8. April 2024 in Köln und umfasst 112 Konzerte. Das letzte davon spielt die Band in Deutschland, dem Land, das sie seit 1983 getragen hat.
Die fünfzehn Studioalben in Zahlen
Die Tabelle zeigt die höchste erreichte Platzierung je Land und die durch Zertifizierungen belegten Verkäufe. Ein Strich bedeutet: keine Platzierung in diesem Land.
| Jahr | Album | DE | AT | CH | UK | US | Belegte Verkäufe |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1981 | Speak & Spell | 49 | - | - | 10 | 192 | 400.000 |
| 1982 | A Broken Frame | 56 | - | - | 8 | 177 | 100.000 |
| 1983 | Construction Time Again | 7 | - | 21 | 6 | - | 350.000 |
| 1984 | Some Great Reward | 3 | 19 | 5 | 5 | 51 | 1.310.000 |
| 1986 | Black Celebration | 2 | 26 | 1 | 4 | 90 | 1.160.000 |
| 1987 | Music for the Masses | 2 | 16 | 4 | 10 | 35 | 1.785.000 |
| 1990 | Violator | 2 | 4 | 2 | 2 | 7 | 4.665.000 |
| 1993 | Songs of Faith and Devotion | 1 | 1 | 1 | 1 | 1 | 1.700.000 |
| 1997 | Ultra | 1 | 5 | 4 | 1 | 5 | 1.500.000 |
| 2001 | Exciter | 1 | 2 | 2 | 9 | 8 | 1.550.000 |
| 2005 | Playing the Angel | 1 | 1 | 1 | 6 | 7 | 1.249.277 |
| 2009 | Sounds of the Universe | 1 | 1 | 1 | 2 | 3 | 743.000 |
| 2013 | Delta Machine | 1 | 1 | 1 | 2 | 6 | 640.000 |
| 2017 | Spirit | 1 | 1 | 1 | 5 | 5 | 359.500 |
| 2023 | Memento Mori | 1 | 1 | 1 | 2 | 14 | 197.000 |
Zusammengerechnet ergeben die belegten Verkäufe der fünfzehn Studioalben rund 17,7 Millionen Stück. Die oft genannte Zahl von über 100 Millionen Tonträgern stammt von Band und Label, zählt Singles, Kompilationen und Livealben mit und beruht nicht auf Zertifizierungen. Beide Zahlen sind richtig, sie messen nur nicht dasselbe.
Die wichtigsten Singles in Zahlen
| Jahr | Single | DE | UK | US |
|---|---|---|---|---|
| 1981 | Dreaming of Me | 45 | 57 | - |
| 1981 | New Life | - | 11 | - |
| 1981 | Just Can't Get Enough | - | 8 | - |
| 1984 | People Are People | 1 | 4 | 13 |
| 1984 | Master and Servant | 2 | 9 | 87 |
| 1987 | Never Let Me Down Again | 2 | 22 | 63 |
| 1989 | Personal Jesus | 5 | 13 | 28 |
| 1990 | Enjoy the Silence | 2 | 6 | 8 |
| 1990 | Policy of Truth | 7 | 16 | 15 |
| 1993 | I Feel You | 4 | 8 | 37 |
| 1997 | Barrel of a Gun | 3 | 4 | 47 |
| 1997 | It's No Good | 5 | 5 | 38 |
| 2005 | Precious | 2 | 4 | 71 |
| 2009 | Wrong | 2 | 24 | - |
| 2013 | Heaven | 2 | 60 | - |
| 2017 | Where's the Revolution | 29 | - | - |
| 2023 | Ghosts Again | 28 | - | - |
Deutschland zählt acht Nummer-eins-Alben, Großbritannien zwei
Der Vergleich der Spalten lohnt sich. In Deutschland stand seit 1993 jedes einzelne Studioalbum auf Platz 1, acht in Folge über dreißig Jahre. In Großbritannien gelang das genau zweimal, 1993 und 1997, davor und danach reichte es für die Plätze 9, 6, 2, 2, 5 und 2. In den USA gab es einen einzigen Spitzenplatz, ebenfalls 1993. Seit 1984 ist in Deutschland kein Album der Band schlechter als auf Platz 3 eingestiegen.
Bei den Singles läuft die Entwicklung gegenläufig. Während die Alben oben bleiben, fällt die beste Auskopplung von Platz 2 im Jahr 2013 auf Platz 29 im Jahr 2017 und Platz 28 im Jahr 2023. Ein Grund dürfte in der Zählweise liegen: Seit 2014 rechnen die deutschen Singlecharts Streams mit ein, und die Streams einer Band mit vierzig Jahren Katalog verteilen sich auf den gesamten Bestand statt auf die neue Auskopplung. Wer Depeche Mode streamt, hört meistens "Enjoy the Silence".
Warum die Fangemeinde schwarz trug
Die deutschen Zahlen erklären sich nicht allein aus der Musik. Ab Mitte der achtziger Jahre entstand um die Band eine eigene Zugehörigkeit: schwarze, schlichte Kleidung, oft selbst gefärbt, die Frisuren nach den Vorbildern auf den Plattenhüllen, dazu Fanclubs quer durch die Bundesrepublik und Depeche-Mode-Partys, die es in einigen Städten bis heute gibt. Anders sein war der Punkt, und die Band lieferte mit den düsteren Platten ab "Black Celebration" die Vorlage dazu.
In der DDR kam etwas hinzu, das im Westen fehlte: Knappheit. Eine Platte, die es fast nicht gab, ein einziges Konzert 1988, eine Musik, die nicht nach staatlich verordneter Jugendkultur klang. Wer sie hörte, gehörte dazu. Diese Bindung trägt die Band bis heute durch die Charts. Sie ist der Grund, warum ein Album aus dem Jahr 2023 in Deutschland auf Platz 1 startet, während die dazugehörige Single Platz 28 erreicht.
