Sony rechnete mit 5.000 verkauften Geräten im Monat und verkaufte in den ersten zwei Monaten mehr als 30.000. Der erste Walkman wog 390 Gramm, kostete in Deutschland zwischen 400 und 500 Mark und hatte zwei Kopfhörerbuchsen, weil niemand bei Sony glaubte, dass jemand allein Musik hören will. Die Idee dazu hatte vier Jahre vorher ein Deutscher, und Sony zahlte ihm dafür erst 2004.
Ein Firmenchef wollte auf Langstreckenflügen Opern hören
Am Anfang steht kein Marktforschungsbericht, sondern eine private Unbequemlichkeit. Masaru Ibuka, Mitgründer von Sony, schleppte auf Reisen das Kassettengerät TC-D5 mit sich herum, ein Gerät von der Größe eines Aktenordners. Er bat den damaligen stellvertretenden Firmenchef Norio Ohga um eine reine Abspielversion in Stereo, klein genug zum Gehen.
Die Grundlage lieferte ein bereits vorhandenes Gerät, der Pressman, ein monaurales Aufnahmegerät für Journalisten. Aus ihm wurde durch Weglassen ein Abspielgerät: keine Aufnahme, keine Lautsprecher, dafür Stereo und Kopfhörer. Akio Morita, der zweite Firmengründer, setzte das Produkt gegen den Widerstand des eigenen Hauses durch und richtete den Verkauf auf Jugendliche aus. Der Verkaufsapparat hielt ein Abspielgerät ohne Aufnahmefunktion für unverkäuflich.
Der TPS-L2 kam am 1. Juli 1979 und hatte zwei Kopfhörerbuchsen
Das Gerät misst 3,5 mal 14 mal 9,5 Zentimeter, wiegt 390 Gramm und läuft mit zwei Mignonzellen. In Japan kostete es rund 33.000 Yen, umgerechnet etwa 150 US-Dollar. Ein Exemplar mit Tasche liegt in der Alltagskultur-Sammlung des Deutschen Historischen Museums unter der Inventarnummer AK 99/459.
Die zwei Kopfhörerbuchsen sind das interessanteste Detail am ganzen Apparat. Sony hielt es für unwahrscheinlich, dass jemand freiwillig allein hört, und baute deshalb einen zweiten Anschluss ein, dazu eine Taste namens Hotline, über die man das Band leiser stellen und dem anderen etwas zurufen konnte. Beides verschwand in den Folgemodellen wieder. Der Walkman wurde genau das Gerät, das seine Erfinder für unmöglich hielten: eines für einen einzelnen Menschen.
Sony erwartete 5.000 Stück im Monat und verkaufte 30.000 in zwei
Die Planung lag bei etwa 5.000 Einheiten monatlich. In den ersten zwei Monaten gingen mehr als 30.000 Geräte weg. Das Deutsche Historische Museum nennt für die ersten drei Monate ebenfalls über 30.000 Stück. Der Erfolg lief also vom ersten Tag an gegen die eigene Prognose, und zwar um den Faktor sechs.
In Deutschland kostete er zwischen 400 und 500 Mark
Nach Deutschland kam das Gerät im Frühjahr 1980. Die Preisangaben gehen auseinander: Eine Fachzeitschrift nennt für die ersten Importe 400 Mark, Sammlerquellen führen einen Neupreis von rund 498 Mark. Das Deutsche Historische Museum nennt keinen Preis, die deutsche Wikipedia ebenfalls nicht. Beide Werte sind Sekundärquellen, deshalb steht hier die Spanne und nicht ein einzelner Betrag.
Interessant wird die Zahl erst umgerechnet. Nach der Verbraucherpreisreihe der Weltbank für Deutschland, auf der auch der Kaufkraft-Rechner dieser Seite beruht, entsprechen 400 Mark von 1980 heute rund 540 Euro, 500 Mark rund 675 Euro.
| Angabe | 1980 in DM | 1980 in Euro | Heutige Kaufkraft |
|---|---|---|---|
| Importpreis der ersten Geräte | 400 | 205 | rund 540 Euro |
| Neupreis laut Sammlerquellen | 498 | 255 | rund 675 Euro |
Das ist die eigentliche Nachricht an dieser Zahl: Ein Kassettenspieler ohne Aufnahmefunktion kostete so viel wie heute ein ordentliches Smartphone. Der Walkman war kein billiges Massenprodukt, er wurde erst durch die Nachahmer eines. Wer 1980 einen hatte, hatte ihn meistens geschenkt bekommen oder lange gespart.
Was der Walkman abspielte, war die eigentliche Kulturleistung
Das Gerät allein erklärt nichts. Entscheidend war der Träger: die Kompaktkassette, 1963 von Philips entwickelt und lizenzfrei freigegeben. Sie war das erste Tonformat, auf das jeder selbst aufnehmen konnte, und zwar zu Hause, ohne Studio und ohne Erlaubnis.
Daraus entstand eine eigene Form: das selbst zusammengestellte Band. Eine C-60 fasst 30 Minuten je Seite, eine C-90 fasst 45, eine C-120 fasst 60, wobei deren dünneres Band gern im Laufwerk hängen blieb. Wer ein Band für jemanden aufnahm, musste also rechnen, und zwar mit Stücken, deren Länge auf der Plattenhülle stand. Genau dafür gibt es auf dieser Seite den Mixtape-Rechner: Er sagt, welche Kombination auf eine Seite passt und wie viele Sekunden übrig bleiben.
Aufgenommen wurde meistens aus dem Radio, mit dem Finger auf der Pausentaste, um den Moderator vor dem Refrain wegzudrücken. Das ist der Unterschied zur Streamingliste von heute: Ein Mixtape kostete zwei Stunden Arbeit und existierte genau einmal.
Das Gerät hieß in jedem Land anders
In den USA verkaufte Sony es als Sound-about, in Großbritannien als Stowaway, in Australien und Schweden als Freestyle. Erst Anfang der achtziger Jahre setzte sich weltweit der japanische Name Walkman durch, obwohl er grammatisch falsches Englisch ist. 1986 nahm das Oxford English Dictionary das Wort auf.
Dass ein Markenname in ein Wörterbuch kommt, ist für den Markeninhaber ein zweischneidiges Ereignis: Es belegt den Erfolg und gefährdet zugleich den Schutz, weil ein Wort, das jeder für jedes Gerät benutzt, keine Marke mehr unterscheidet. Sony hat bis zuletzt darauf bestanden, dass nur eigene Produkte so heißen dürfen.
Ein Deutscher hatte die Idee vier Jahre früher
Andreas Pavel, in Aachen geboren und in Brasilien aufgewachsen, meldete 1977 ein Gerät namens Stereobelt zum Patent an, beschrieben als am Körper getragenes Kleinsystem zur hochwertigen Wiedergabe von Tonereignissen. Er bot es mehreren Firmen an, darunter Grundig und Philips. Alle lehnten ab, weil sie keinen Markt für Menschen sahen, die im Gehen Musik hören.
Als der Walkman erschien, klagte Pavel. Der Streit zog sich über mehr als zwei Jahrzehnte durch mehrere Länder, er verlor Verfahren und trug Prozesskosten. Erst 2004 einigte sich Sony mit ihm: eine Zahlung im unteren achtstelligen Bereich und laufende Lizenzgebühren für bestimmte Modelle. Ein Patent allein reicht also nicht. Es fehlten Pavel die Mechanik gegen Erschütterungen beim Gehen, eine Fabrik und ein Vertrieb.
385 Millionen Geräte, davon rund 200 Millionen mit Kassette
Bis 2004 hatte Sony 335 Millionen Walkman-Geräte verkauft, zum 31. März 2009 waren es rund 385 Millionen aller Bauarten. Auf die klassischen Kassettengeräte entfallen davon je nach Quelle 200 bis 220 Millionen. Die Zahlen stammen von Sony selbst, unabhängig geprüft ist keine davon.
| Jahr | Gerät | Träger | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| 1979 | TPS-L2 | Kompaktkassette | der erste, 390 Gramm, zwei Kopfhörerbuchsen |
| 1984 | D-50 | Compact Disc | als Discman vermarktet |
| 1992 | MZ-1 | MiniDisc | Aufnahme wieder möglich |
| 2005 | Sony Ericsson W800 | Speicherkarte | Walkman als Handymarke, bis Juni 2007 rund 26,5 Millionen Stück |
| 2012 | Walkman Z | Speicher | Android-Geräte, Marke ohne eigenen Träger |
Die Produktion endete im April 2010
Sony stellte die Fertigung des Kassetten-Walkman in Japan im April 2010 ein und gab das im Oktober desselben Jahres bekannt, nach gut dreißig Jahren. Das Ende kam nicht durch die CD, wie oft erzählt wird, sondern durch die Musikdatei: Der Discman erschien 1984 und lief neben dem Kassettengerät her, beide zusammen wurden ab etwa 2001 von Speicherplayern verdrängt.
Bemerkenswert ist dabei, wie lange sich die Kassette gehalten hat. Zwischen dem ersten CD-Spieler für die Tasche und dem Produktionsende der Kassettenversion liegen 26 Jahre. Die Technik, die der Nachfolger ablösen sollte, überlebte ihn beinahe.
Warum der Walkman Kult ist und der MP3-Spieler nicht
Die Sache lässt sich an den fünf Bedingungen prüfen, an denen auf dieser Seite der Kult-Test misst. Beim Walkman treffen vier davon zu.
Missverhältnis: Ein Gerät, dem der eigene Hersteller keinen Markt zutraute, prägte zwei Jahrzehnte Jugendkultur. Ritual: Das Umdrehen der Kassette nach 45 Minuten, das Zurückspulen mit dem Bleistift, wenn die Batterien schwach wurden, das Aufnehmen aus dem Radio mit dem Finger auf der Pausentaste. Körperliche Erinnerung: Das Klacken der Klappe, der Widerstand der Play-Taste, das Leiern des Bandes bei Kälte. Verknappung: Seit 2010 wird nicht mehr gebaut, und funktionierende TPS-L2 werden heute unter Sammlern gehandelt.
Der MP3-Spieler erfüllt keine dieser Bedingungen. Er hatte keine bewegten Teile, kein Geräusch, kein Ritual und keinen Widerstand. Er war besser in jeder messbaren Hinsicht und ist deshalb spurlos verschwunden, aufgesogen vom Telefon. Der Walkman dagegen steht im Museum, hat einen Eintrag im Oxford English Dictionary und einen Erfinderstreit, der 27 Jahre dauerte.
