Frank Farian hat zwei Weltstars gebaut, die beide nicht sangen, was auf der Bühne stand. Bei Boney M. galt das als Produktionsmethode und brachte über 150 Millionen verkaufte Tonträger. Bei Milli Vanilli galt dasselbe Verfahren als Betrug und kostete den einzigen Grammy, der je zurückgegeben wurde. Der Unterschied lag nicht im Vorgehen, sondern darin, was zugegeben wurde.
Aus Franz Reuther aus Kirn wird Frank Farian
Geboren wird er am 18. Juli 1941 im rheinland-pfälzischen Kirn und wächst im Saarland auf. 1964 gründet er die Band Frank Farians Schatten, 1967 erscheint eine Coverfassung von Otis Reddings "Mr. Pitiful". Der erste große eigene Erfolg kommt 1976, als seine deutschsprachige Fassung von "Rocky" vier Wochen lang auf Platz 1 der deutschen Charts steht.
Das ist wichtig für alles Weitere: Farian kommt vom Singen, nicht vom Mischpult. Er war Schlagersänger, bevor er Produzent wurde, und er hatte eine tiefe Stimme, die er später an ungewöhnlicher Stelle einsetzte.
Boney M. war zuerst eine Aufnahme und dann eine Band
Ende 1974 nimmt Farian den Titel "Baby Do You Wanna Bump" auf, und zwar allein: Er singt die männlichen Passagen selbst, mit verstellter Stimme. Erst als die Aufnahme lief, brauchte es Menschen, die sie auf der Bühne darstellen konnten. Ab Februar 1976 steht die Besetzung fest, mit Bobby Farrell, Maizie Williams, Marcia Barrett und Liz Mitchell.
Auf den Aufnahmen sangen davon zwei: Liz Mitchell und Marcia Barrett. Maizie Williams sang im Studio nicht, Bobby Farrell war Tänzer und Bühnenfigur, die männliche Stimme blieb die von Farian. Das war kein Geheimnis, sondern eine bekannte Arbeitsteilung, und niemand nahm daran Anstoß.
"Rivers of Babylon" verkaufte sich über 20 Millionen Mal
Die Zahlen dieser Gruppe sind auch fünfzig Jahre später ungewöhnlich. Insgesamt kommt Boney M. auf über 150 Millionen verkaufte Tonträger, darunter mehr als 60 Millionen Singles.
| Single | Jahr | Erfolg |
|---|---|---|
| Daddy Cool | 1976 | Platz 1 in Deutschland für 12 Wochen, 800.000 Stück allein dort, weltweit über 1 Million, UK Platz 6 |
| Sunny | 1976 | Platz 1 in Deutschland für 2 Wochen |
| Ma Baker | 1977 | Platz 1 in Deutschland |
| Belfast | 1977 | Platz 1 in Deutschland |
| Rivers of Babylon | 1978 | in Deutschland über 1 Million in vier Wochen, vier Monate auf Platz 1; in Frankreich über 500.000; in Großbritannien über 2 Millionen und Platz 5 der meistverkauften Singles aller Zeiten; weltweit über 20 Millionen |
| Mary's Boy Child | 1978 | in Großbritannien 220.000 Stück an einem einzigen Tag, über 1 Million in drei Wochen, Platz 10 der meistverkauften UK-Singles aller Zeiten mit 1,79 Millionen |
| Rasputin | 1978 | Platz 2 in Großbritannien |
220.000 verkaufte Singles an einem Tag ist die Zahl, an der sich die Größenordnung am besten ablesen lässt. Es gab damals keinen Streamingdienst, der das mitzählte, sondern Menschen, die in einen Laden gingen und eine Schallplatte kauften.
Vier Alben in Folge auf Platz 1 in Deutschland
| Album | Jahr | DE | UK |
|---|---|---|---|
| Take the Heat Off Me | 1976 | 2 | 40 |
| Love for Sale | 1977 | 1 | 13 |
| Nightflight to Venus | 1978 | 1 | 1 |
| Oceans of Fantasy | 1979 | 1 | 1 |
| Boonoonoonoos | 1981 | 15 | ohne Platzierung |
Der Absturz von Platz 1 auf Platz 15 zwischen 1979 und 1981 ist deutlich. Die Disco-Welle war vorbei, und eine Gruppe, deren Klang ein Produzent im Studio herstellte, ließ sich nicht so leicht umbauen wie eine Band, die zusammen probt.
Der Tänzer, der nie sang, starb am Todestag seiner größten Rolle
Bobby Farrell, geboren am 6. Oktober 1949 in Sint Nicolaas auf Aruba, war das Gesicht von Boney M. und bewegte auf der Bühne die Lippen zu Farians Stimme vom Band. Gesungen hat er auf keiner Aufnahme.
Am 30. Dezember 2010 wurde er während einer Konzertreise tot in seinem Hotelzimmer in Sankt Petersburg gefunden, gestorben an Herzversagen. Sein bekanntestes Stück war "Rasputin". Grigori Rasputin wurde am 30. Dezember 1916 in derselben Stadt ermordet, die damals Petrograd hieß. Gleiches Kalenderdatum, gleicher Ort, 94 Jahre dazwischen.
Das ist ein Zufall und nichts weiter. Aber es ist der Zufall, der von dieser Gruppe am häufigsten erzählt wird, und er passt zu einer Band, deren gesamter Aufbau aus Rollen und Zuschreibungen bestand.
1985 kam noch ein Nummer-eins-Verdächtiger dazu
Zwischen den beiden großen Projekten liegt die Far Corporation, für die Farian 1985 eine Coverfassung von "Stairway to Heaven" von Led Zeppelin produzierte. Sie wurde ein Top-Ten-Hit. Später kamen die Eurodance-Gruppen La Bouche und Le Click sowie die Latin-Pop-Band No Mercy dazu.
Milli Vanilli funktionierte genauso, nur ohne Ansage
1988 gründet Farian das Duo Milli Vanilli mit Rob Pilatus und Fab Morvan. Gesungen haben auf den Platten Brad Howell, John Davis, Charles Shaw, die Schwestern Jodie und Linda Rocco und Farian selbst. Pilatus und Morvan traten dazu auf.
Der Erfolg war größer als bei allem davor in den USA. "Girl You Know It's True" verkaufte sich dort über sieben Millionen Mal und wurde sechsfach mit Platin ausgezeichnet, insgesamt kommt das Duo auf rund 15 Millionen verkaufte Tonträger.
| Single | Jahr | Platzierung |
|---|---|---|
| Girl You Know It's True | 1988 | Platz 1 in Deutschland und Österreich, Platz 2 in den USA, weltweit rund 1,825 Millionen verkauft |
| Baby Don't Forget My Number | 1988 | Platz 1 in den USA |
| Blame It on the Rain | 1989 | Platz 1 in den USA |
| Girl I'm Gonna Miss You | 1989 | Platz 1 in den USA, Österreich und der Schweiz |
Am 21. Juli 1989 blieb das Band hängen
Bei einem Auftritt der Reihe "Club MTV Live: The Tour" im Freizeitpark Lake Compounce in Connecticut sprang die Playback-Aufnahme und wiederholte die Zeile "Girl, you know it's" immer wieder. Vor Publikum und Kameras war damit sichtbar, dass die beiden auf der Bühne nicht sangen.
Am 14. November 1990 bestätigte Farian öffentlich, dass andere die Stimmen beigesteuert hatten. Im selben Monat wurde dem Duo der Grammy als bester Newcomer wieder entzogen, den es im Februar 1990 erhalten hatte. Es ist der einzige zurückgenommene Grammy der Geschichte. In den USA folgten mindestens 26 Sammelklagen wegen Verbrauchertäuschung, und ein Gericht sicherte Käufern eine Entschädigung zu.
Rob Pilatus starb 1998 im Alter von 33 Jahren an einer Überdosis Alkohol und Medikamenten.
Derselbe Bauplan, zwei verschiedene Urteile
Der Vergleich der beiden Fälle ist die eigentliche Auskunft über Farian. Bei Boney M. sang eine Stimme aus dem Studio, die nicht zum Gesicht auf der Bühne gehörte, und die Gruppe verkaufte über 150 Millionen Tonträger. Bei Milli Vanilli sang eine Stimme aus dem Studio, die nicht zum Gesicht auf der Bühne gehörte, und daraus wurde einer der größten Betrugsfälle der Musikgeschichte.
Der Unterschied liegt an drei Stellen. Erstens war die Arbeitsteilung bei Boney M. bekannt, bei Milli Vanilli bestritten. Zweitens ging es beim Grammy um eine Auszeichnung für Personen, nicht für eine Aufnahme, und diese Personen hatten daran keinen Anteil. Und drittens war der amerikanische Markt der neunziger Jahre bereit, daraus einen Verbraucherschutzfall zu machen, während in Europa dreizehn Jahre zuvor niemand auf die Idee gekommen wäre.
Farian selbst hat das Verfahren nie als Betrug verstanden, sondern als Produktion. Diese Auffassung war in der Schlagerbranche seiner Zeit verbreitet und ist es im Pop bis heute, nur heißt sie jetzt anders und wird im Kleingedruckten offengelegt.
Über 800 Millionen verkaufte Tonträger
Die Gesamtbilanz seiner Produktionen liegt bei über 800 Millionen verkauften Tonträgern weltweit. Damit gehört Farian zu den erfolgreichsten Produzenten überhaupt, und zwar aus Deutschland heraus, mit englischsprachiger Musik für einen Weltmarkt.
Frank Farian starb am 22. Januar 2024 im Alter von 82 Jahren in Miami in Florida, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. Er hinterlässt vier Kinder. Von den beiden Gruppen, mit denen sein Name verbunden bleibt, existiert die eine als Erinnerung an eine Disco-Ära und die andere als Lehrstück darüber, wo im Popgeschäft die Grenze verläuft.