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Indie-Musik: die Charts, die den Begriff erfanden

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Indie-Musik: Unabhängigkeit und Kreativität
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Zusammenfassung

Indie ist keine Musikrichtung. Der Begriff stammt aus einer Verkaufsliste, die am 19. Januar 1980 zum ersten Mal erschien, und er beschrieb genau eine Sache: wer die Platte auslieferte. Auf Platz 1 der ersten Indie-Charts stand ein Lied über Captain Kirk, das nach Punk klingt. Wer heute sagt, etwas klinge indie, benutzt ein Wort für einen Klang, das ursprünglich eine Angabe über Lastwagen war.

Indie ist keine Musikrichtung. Der Begriff stammt aus einer Verkaufsliste, die am 19. Januar 1980 zum ersten Mal erschien, und er beschrieb genau eine Sache: wer die Platte auslieferte. Auf Platz 1 der ersten Indie-Charts stand ein Lied über Captain Kirk, das nach Punk klingt. Wer heute sagt, etwas klinge indie, benutzt ein Wort für einen Klang, das ursprünglich eine Angabe über Lastwagen war.

Am 19. Januar 1980 erschien die erste Indie-Chart

Veröffentlicht wurde sie in der britischen Fachzeitschrift Record Business. Die Idee stammte von Iain McNay, dem Gründer des Labels Cherry Red. Sein Problem war ein Zählproblem: Die offiziellen Charts erfassten die Verkäufe der unabhängigen Plattenläden nicht ordentlich, weshalb Platten, die dort gut liefen, in keiner Liste auftauchten. Ab 1981 erhob das Marktforschungsunternehmen MRIB die Zahlen.

Das Aufnahmekriterium war eindeutig und hatte mit Musik nichts zu tun: Die Platte musste über einen Vertrieb ausgeliefert werden, der von den vier großen Konzernen unabhängig war. Die vier heißen heute EMI, Sony Music Entertainment, Warner Music Group und Universal Music Group. Wer über deren Lager lieferte, war draußen, egal wie die Platte klang.

Auf Platz 1 stand "Where's Captain Kirk?"

Die erste Nummer eins der Indie-Singlecharts war "Where's Captain Kirk?" von Spizzenergi, das erste Nummer-eins-Album "Dirk Wears White Sox" von Adam and the Ants. Beide würde heute niemand als Indie einsortieren. Das eine ist Punk mit Science-Fiction-Text, das andere die Frühphase einer Band, die zwei Jahre später Popstars waren.

Genau das ist der Beleg dafür, dass der Begriff nie ein Klang war. Er hat sich erst in den späten achtziger Jahren zu einer Stilbeschreibung verschoben, weil die Platten, die dort oben standen, zufällig überwiegend Gitarrenmusik waren. Aus einer Angabe über den Lieferweg wurde ein Genre, ohne dass jemand die Definition geändert hätte.

Der eigentliche Apparat war der Vertrieb

Damit ein Label ohne Konzern überleben konnte, brauchte es Lastwagen, Lager und Rechnungswesen. In Großbritannien entstand dafür ab 1982 das Cartel, ein Zusammenschluss regionaler Vertriebe, an dem unter anderem Rough Trade und Red Rhino beteiligt waren. Daneben standen größere unabhängige Vertriebe wie Pinnacle und Spartan.

In Deutschland gab es die Entsprechung fast zeitgleich: 1982 entstand EfA, ausgeschrieben Energie für Alle. Auch hier war der Zweck nicht musikalisch, sondern logistisch. Wer Platten machte, aber keinen Lieferweg hatte, verkaufte sie im Konzertsaal aus dem Karton, und mehr als ein paar hundert Stück wurden das nicht.

Factory Records verlor an jedem verkauften Exemplar Geld

Das bekannteste Stück dieser Wirtschaftsform ist "Blue Monday" von New Order, erschienen am 7. März 1983 auf Factory Records unter der Nummer FAC 73. Peter Saville und Brett Wickens entwarfen die Hülle als Nachbildung einer 5,25-Zoll-Diskette, mit Stanzungen und Sonderfarben.

Die Stanzung kostete mehr, als die Platte einbrachte. Tony Wilson, der Chef des Labels, bezifferte den Verlust auf fünf Pence je Hülle. Peter Saville hat die genauen Zahlen später bezweifelt und 2013 gesagt, er wisse gar nicht, wie viele Exemplare in dieser Ausführung verkauft wurden. Die Richtung stimmt trotzdem: Ein Label verkaufte seinen größten Erfolg mit Verlust, weil ihm die Hülle wichtiger war als die Marge.

Die Zahlen dazu: Die 12-Zoll-Fassung von 1983 verkaufte sich über 700.000 Mal und ist damit die meistverkaufte Maxi-Single der Geschichte. In Großbritannien kommen über alle Formate rund 1,16 Millionen Stück zusammen, in neuerer Zählung mit Streaming zwei Millionen. In den britischen Charts erreichte sie 1983 zunächst Platz 12 und beim Wiedereinstieg Platz 9, die Neuabmischung von 1988 Platz 3, die von 1995 Platz 17.

FassungJahrUK-Platzierung
Erstveröffentlichung FAC 73198312, im Wiedereinstieg 9
Neuabmischung19883
Neuabmischung199517

In Deutschland erfand ein Labelchef gleich den Namen einer ganzen Epoche

Der deutsche Fall zeigt dasselbe Muster noch deutlicher. Alfred Hilsberg betrieb das Label Zickzack, auf dem unter anderem Einstürzende Neubauten, Die Krupps, Abwärts, Palais Schaumburg und Xmal Deutschland erschienen. 1992 folgte sein zweites Label mit dem Namen What's So Funny About.

Bekannter als seine Platten ist ein Text von ihm. 1979 schrieb Hilsberg in der Zeitschrift Sounds einen Artikel unter der Überschrift "Neue Deutsche Welle", im Untertitel "Aus grauer Städte Mauern". Damit hatte eine ganze Epoche der deutschen Popmusik ihren Namen, und zwar bevor es sie in dieser Form gab.

Der Vorgang ist derselbe wie bei den Indie-Charts, nur ohne Tabelle: Nicht die Musiker haben ihre Musik benannt, sondern jemand aus dem Betrieb, der eine Ordnung brauchte. Wenige Jahre später verkaufte die Industrie unter demselben Etikett Schlager mit Synthesizern, und Hilsberg selbst wollte mit dem Begriff nichts mehr zu tun haben.

2009 musste die Regel repariert werden

Die Vertriebsdefinition hatte eine Lücke. Die großen Konzerne konnten die Auslieferung an einen formal unabhängigen Dienstleister vergeben und ihre Platten damit in die Indie-Charts bringen. Am 29. Juni 2009 stellte die Official Charts Company deshalb um: Seitdem zählt nicht mehr der Vertrieb, sondern das Eigentum. Ein Label muss zu mindestens 50 Prozent einem Unternehmen gehören, das keiner der vier Großen ist.

Die Änderung ist aufschlussreich, weil sie zeigt, worum es bei Indie immer ging: nicht um Klang, nicht um Haltung, sondern um Besitzverhältnisse. Ein Wort, das seit vierzig Jahren als Beschreibung von Musik benutzt wird, ist in Wahrheit eine Angabe über Eigentumsanteile.

Was daraus für die Frage folgt, ob eine Band indie ist

Nach der geltenden Definition sind viele Bands, die nach Indie klingen, keine, weil ihre Labels Konzerntöchter sind. Umgekehrt sind Platten, die niemand als Indie bezeichnen würde, welche, sobald das Label unabhängig ist. Die Frage "Ist das noch Indie?" hat also eine Antwort, sie steht nur nicht in der Musik, sondern im Handelsregister.

Der zweite Teil der Antwort ist unbequemer. Unabhängigkeit endete bei den wichtigsten Labels nicht durch Verrat, sondern durch Zahlungsunfähigkeit.

Rough Trade begann als Laden, Factory endete ohne Katalog

Rough Trade eröffnete im Februar 1976 als Plattenladen in der Kensington Park Road in West-London, gegründet von Geoff Travis. Das Label kam 1978 dazu, 1983 nahm es The Smiths unter Vertrag. Zu Fall brachte das Unternehmen nicht die Musik, sondern der eigene Vertriebszweig: Er wuchs über seine Verhältnisse, das Interesse der Konzerne an der Indie-Szene der späten Achtziger tat den Rest, und am Ende standen Liquiditätsprobleme und die Insolvenz.

Factory Records, 1978 in Manchester von Tony Wilson und Alan Erasmus gegründet, meldete im November 1992 Konkurs an. Die Umstände sind der beste Kommentar zur ganzen Idee: Die Gruppe Happy Mondays nahm ihr viertes Album auf Barbados auf, New Order gab für die Rückkehrplatte "Republic" berichteten 400.000 Pfund aus. Ein Verkauf an London Records scheiterte im letzten Moment daran, dass Factory aus Prinzip keine Verträge geschlossen hatte. Deshalb gehörte der Katalog von New Order nicht dem Label, sondern der Band. Es gab schlicht nichts zu verkaufen.

Zur Haltung des Hauses gehörte auch die Nummerierung. Factory vergab seine FAC-Nummern nicht nur an Platten, sondern an alles: an eine Klage von Martin Hannett gegen das eigene Label (FAC 61), an einen Friseursalon (FAC 98), an die Katze des Clubs Haçienda (FAC 191) und, nach seinem Tod, an den Sarg von Tony Wilson (FAC 501). Das ist entweder Größenwahn oder die konsequenteste Auslegung des Wortes unabhängig, die je jemand unternommen hat.

Warum die Indie-Charts trotzdem etwas verändert haben

Der praktische Wert der Liste lag darin, dass sie überhaupt gemessen hat. Vor 1980 konnte ein Label 20.000 Platten verkaufen und blieb unsichtbar, weil kein Ranking diese Verkäufe erfasste. Danach gab es eine Zahl, und mit einer Zahl gibt es Verhandlungsmacht: gegenüber Läden, gegenüber Radiosendern, gegenüber der Presse.

Das ist der eigentliche Kern der Geschichte, und er hat mit Kreativität nichts zu tun. Eine Szene wurde sichtbar, weil jemand anfing, sie zu zählen. Alles, was danach über Haltung, Freiheit und Authentizität erzählt wurde, kam später und stand nie in der Definition.

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