Zwei Platten aus Düsseldorf stehen am Anfang einer Musikrichtung, die in der New Yorker Bronx entstand. Der Weg dorthin lässt sich belegen, und er endet in einem Prozess, der seit 1999 läuft. Dieser Text nennt zu jeder Angabe, wer sie sagt.
Die Ausgangsplatten, 1977 und 1981
Trans Europa Express ist das sechste Studioalbum von Kraftwerk, aufgenommen Ende 1976 im Kling-Klang-Studio in Düsseldorf. Die englischsprachige Wikipedia nennt als Erscheinungstermin März 1977, die deutschsprachige das erste Quartal 1977. Vier Jahre danach folgte Computerwelt, laut englischsprachiger Wikipedia am 11. Mai 1981. Dessen drittes Stück heißt Nummern, englisch Numbers: eine verzerrte Stimme zählt in mehreren Sprachen von eins bis acht. Den Rhythmus schreibt dieselbe Quelle Karl Bartos zu.
Planet Rock, 1982
Planet Rock erschien 1982 bei Tommy Boy Records, eingespielt von Afrika Bambaataa und der Soul Sonic Force, produziert von Arthur Baker. Beim genauen Termin widersprechen sich die Quellen: Sound on Sound schreibt Juni 1982, die Begleittexte des späteren Albums nennen April 1982. Zwei Kraftwerk-Stücke stecken darin, und zwar arbeitsteilig. Die Melodie stammt aus Trans-Europe Express, der Rhythmus aus Numbers.
Eine eigene Drum Machine besaß die Gruppe nicht. Sie fand in der Village Voice eine Anzeige, "Man with drum machine, 20 dollars a session", spielte dem Mann Numbers vor und ließ ihn den Rhythmus in eine Roland TR-808 programmieren. Am 11. September 1982 stand die Platte auf Platz 48 der Billboard Hot 100. Robert Palmer nannte sie in der New York Times "perhaps the most influential black pop record of 1982".
Gesampelt wurde nicht
Der häufigste Fehler in Texten über Planet Rock steckt schon in der Frage. Gesampelt wurde nichts. Bambaataa dazu: "a lot of people think we sampled Kraftwerk but it's just not true. John Robie was a bad-ass synthesizer player." Sound on Sound zitiert aus dem Studio: "John played everything by hand, nothing was sequenced on Planet Rock." Die englischsprachige Wikipedia benutzt deshalb das Wort interpolated.
Was Kraftwerk dafür bekam
Die Reaktion aus Düsseldorf fiel deutlich aus. Baker sagte dem Red Bull Music Academy Daily: "We had a feeling we'd get in trouble with Kraftwerk over the Trans Europe Express melody, and they were angry to say the least." Karl Bartos nannte als Grund die fehlenden Credits: "they didn't credit the authors."
Am Ende stand kein Urteil, sondern eine Einigung: ein Dollar je verkaufter Platte. Was das praktisch bedeutete, beschreibt Baker so. "Tom gave them a dollar a record. BUT he raised the list price of the record, over a dollar a record. So basically it didn't cost him anything." Die Zwölf-Zoll-Single stieg von 4,98 auf 5,98 Dollar. Ralf Hütter sagte dem Magazin Uncut: "Als Erstes hatten sie vergessen, meinen Namen in den Credits zu nennen. Also riefen wir unseren Musikverleger an, und jetzt stehen unsere Namen auf der Platte."
Was danach kam
Cybotron veröffentlichte 1983 das Stück Clear. Die englischsprachige Wikipedia führt darin mehrere Klangelemente aus Computerwelt auf, die Los Angeles Times nannte es 1993 einen von Planet Rock inspirierten Kraftwerk-Song. Aus Detroit kam damit die zweite Linie, die später Techno hieß. Der Numbers-Rhythmus wanderte auch nach Westen: J.J. Fad veröffentlichten im April 1988 Supersonic, produziert von Dr. Dre, DJ Yella und Arabian Prince. Wikipedia und das W Magazine führen deren Beat auf Numbers zurück und die Linie weiter bis zu Fergies Fergalicious von 2006.
Als Tommy Boy 1992 eine Remix-EP zu Planet Rock herausbrachte, steuerte Karl Bartos einen Remix bei. Der Mann, dessen Beat zehn Jahre zuvor ohne Nennung übernommen worden war, arbeitete jetzt an derselben Platte mit.
Derselbe Song, andere Rolle
1997 verwendete Moses Pelham zwei Sekunden aus Metall auf Metall als leicht verlangsamten Loop unter Nur mir von Sabrina Setlur, erschienen auf dem Album Die neue S-Klasse. Ohne Zustimmung. Pelham sagte vor Gericht aus, er habe die Sequenz in seinem eigenen Tonarchiv gefunden. Diesmal wurde tatsächlich gesampelt, und diesmal wurde geklagt: 1999 zogen Ralf Hütter und weitere Kraftwerk-Mitglieder vor das Landgericht Hamburg.
Sechs Mal BGH, zwei Mal EuGH
Das Landgericht gab der Klage im Oktober 2004 statt, das Oberlandesgericht Hamburg wies die Berufung im Juni 2006 zurück. Der Bundesgerichtshof hob das am 20. November 2008 auf (I ZR 112/06), das OLG bestätigte sich im August 2011 selbst, und im Dezember 2012 sah der BGH eine Rechtsverletzung: Wer eine Tonfolge selbst einspielen kann, darf sie nicht sampeln. Karlsruhe kassierte das am 31. Mai 2016 (1 BvR 1585/13). Der BGH habe die Kunstfreiheit verkannt, Sampling sei stilprägend für den Hip-Hop, das Kriterium der Nachspielbarkeit untauglich.
Am 1. Juni 2017 legte der BGH dem Europäischen Gerichtshof vor. Der entschied am 29. Juli 2019 (C-476/17): Sampling ohne Einwilligung kann Rechte des Tonträgerherstellers verletzen, geänderte und beim Hören nicht wiedererkennbare Fragmente aber nicht. Im Juni 2021 fiel Paragraf 24 des Urheberrechtsgesetzes weg, dafür kam mit Paragraf 51a die Schranke für Karikatur, Parodie und Pastiche. Das OLG Hamburg entschied am 28. April 2022 dreigeteilt: für 1997 keine Verletzung, seit 2021 zulässig, dazwischen ein Eingriff in Rechte der Tonträgerhersteller. Der Teil bis 2002 ist rechtskräftig, zugunsten Pelhams.
Der Rest läuft. Zum mittleren Zeitraum liegt eine angenommene Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe (1 BvR 948/23). Zur Zeit ab 2021 legte der BGH im September 2023 erneut in Luxemburg vor (I ZR 74/22), und am 14. April 2026 entschied der EuGH (C-590/23). Pastiche ist danach keine bloße Auffangregel. Erfasst sind "Schöpfungen, die an bestehende Werke erinnern, zugleich aber wahrnehmbare Unterschiede zu diesen aufweisen und die mit diesen Werken einen als solchen erkennbaren künstlerischen oder kreativen Dialog führen". Damit geht die Sache zum sechsten Mal an den BGH. Ausgelöst hat das alles ein Sample von zwei Sekunden, aus derselben Platte, von der 1982 die Melodie kam.
Was sich nicht belegen ließ
Das Erscheinungsdatum von Planet Rock bleibt offen, April und Juni 1982 stehen nebeneinander. Auch das Aufnahmejahr ist unklar, weil Baker selbst zwischen 1980 und 1981 schwankt. Ob Kraftwerk gegen Tommy Boy Klage einreichte oder ob es bei Verhandlungen blieb, geben die Quellen verschieden wieder, und eine Gesamtsumme nennt keine. Dass Kraftwerk heute auf den Labels als Autoren stehen, stützt sich allein auf Hütters Aussage. Und Arabian Prince spricht in seinem Interview über Supersonic zwar über Kraftwerk und die TR-808, aber nicht über Numbers.
Quellen
Grundlage sind die Wikipedia-Artikel zu Kraftwerk, Trans Europa Express, Computerwelt, Planet Rock, Afrika Bambaataa, Karl Bartos und zum Rechtsstreit Pelham gegen Kraftwerk, deutsch und englisch. Dazu Sound on Sound, Red Bull Music Academy Daily, das W Magazine und das im Rolling Stone zitierte Uncut-Interview mit Hütter. Die juristischen Angaben wurden gegen die EuGH-Pressemitteilung vom 14. April 2026 und Berichte von LTO und beck-aktuell geprüft.
