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Der Mozart-Effekt: 36 Personen, 15 Minuten

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Musik und Emotionen: Die Macht der Melodie
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Zusammenfassung

1993 testeten drei Forscher 36 Studierende und fanden einen Effekt, der eine Viertelstunde anhielt und genau eine Sorte Denkaufgabe betraf. Fünf Jahre später verschenkte ein amerikanischer Gouverneur an jedes Neugeborene seines Bundesstaates eine Klassikaufnahme, jährlicher Etat 105. 000 Dollar. Dazwischen liegt kein neuer Befund, sondern eine falsch gelesene Studie. Die Studie von 1993 maß eine Viertelstunde Frances Rauscher, Gordon Shaw und Catherine Ky veröffentlichten 1993 in der Zeitschrift Nature ein Ergebnis.

1993 testeten drei Forscher 36 Studierende und fanden einen Effekt, der eine Viertelstunde anhielt und genau eine Sorte Denkaufgabe betraf. Fünf Jahre später verschenkte ein amerikanischer Gouverneur an jedes Neugeborene seines Bundesstaates eine Klassikaufnahme, jährlicher Etat 105.000 Dollar. Dazwischen liegt kein neuer Befund, sondern eine falsch gelesene Studie.

Die Studie von 1993 maß eine Viertelstunde

Frances Rauscher, Gordon Shaw und Catherine Ky veröffentlichten 1993 in der Zeitschrift Nature ein Ergebnis. Untersucht wurden 36 Studierende. Gemessen wurde nicht die Intelligenz, sondern eine bestimmte Teilaufgabe des Stanford-Binet-Tests: räumliches Denken, konkret Papierfalten und Labyrinthaufgaben.

Der Effekt war real und er war klein. Er hielt etwa 15 Minuten an. Bei keinem einzigen Teilnehmer reichte er über den Zeitraum hinaus, in dem getestet wurde. Der allgemeine Intelligenzquotient wurde in dieser Studie überhaupt nicht erhoben.

Was die Studie tatWas daraus wurde
36 Studierendealle Menschen, besonders Säuglinge
räumliches Denken, Papierfalten, LabyrintheIntelligenz allgemein
Wirkung für etwa 15 Minutendauerhafte Förderung
Intelligenzquotient nicht gemessen"Mozart macht schlauer"

Die Erstautorin hat der Deutung ausdrücklich widersprochen

Rauscher stellte später klar: Eine solche Behauptung habe man nie aufgestellt. Der Effekt beschränke sich auf räumlich-zeitliche Aufgaben, die mit innerer Vorstellung und zeitlicher Ordnung zu tun haben.

Das ist der Punkt, an dem die Geschichte interessant wird. Nicht die Forscher haben übertrieben, sondern die Berichterstattung. Eine Studie mit 36 Personen und einer Wirkdauer von einer Viertelstunde ist keine schlechte Wissenschaft. Sie wurde nur zu etwas gemacht, das sie nie behauptet hat.

Georgia gab 105.000 Dollar im Jahr für Babymusik aus

Am 13. Januar 1998 kündigte der Gouverneur des US-Bundesstaates Georgia, Zell Miller, an, jedes im Staat geborene Kind mit einer klassischen Musikaufnahme auszustatten. Der jährliche Etat dafür betrug 105.000 Dollar.

Fünf Jahre nach einer Studie an 36 Erwachsenen wurde also öffentliches Geld für Neugeborene ausgegeben, eine Gruppe, die in der Studie nicht vorkam. Es ist einer der besten dokumentierten Fälle dafür, wie ein Forschungsergebnis in Politik übersetzt wird, ohne dass jemand die Fußnoten liest.

Die Nachprüfungen fielen eindeutig aus

Christopher Chabris fasste 1999 zusammen, dass eine etwaige Verbesserung klein ist und keine Veränderung der Intelligenz oder des Denkvermögens im Allgemeinen widerspiegelt. Steele und Kollegen berichteten im selben Jahr aus verschiedenen Versuchen einen Zuwachs von drei Punkten und in einem anderen Fall eine Verschlechterung um vier Punkte.

Die größte Zusammenfassung stammt von Pietschnig, Voracek und Formann aus dem Jahr 2010. Sie werteten 39 Studien aus und fanden wenig, was den Mozart-Effekt stützt, weil die gemessenen Effekte durchweg klein ausfielen.

JahrUntersuchungErgebnis
1993Rauscher, Shaw und Ky, 36 Personenkleiner Effekt beim räumlichen Denken, rund 15 Minuten
1998Georgia verteilt Klassikaufnahmen105.000 Dollar jährlich
1999ChabrisEffekt klein, keine Veränderung der Intelligenz
1999Steele und Kollegeneinmal plus 3 Punkte, einmal minus 4 Punkte
2010Pietschnig, Voracek und Formann, 39 Studienkaum Belege, durchweg kleine Effekte

Die bessere Erklärung heißt Stimmung, nicht Mozart

Was tatsächlich gemessen wurde, lässt sich mit einem einfacheren Mechanismus erklären: Wer etwas Angenehmes hört, ist wacher und besser gelaunt und schneidet deshalb kurz danach bei bestimmten Aufgaben etwas besser ab. Fachlich heißt das Erregung und Stimmungslage.

Der Prüfstein dafür ist unbequem für die Mozartverkäufer: Andere anregende Musik erzeugt denselben Effekt, wenn sie den Testpersonen gefällt. Es liegt also nicht an Mozart, nicht an der Klassik und nicht an einer besonderen mathematischen Struktur der Musik. Es liegt daran, dass man gern hinhört.

Die Gänsehaut ist besser belegt als der Mozart-Effekt

Es gibt eine Wirkung von Musik, die sich am Körper messen lässt, und sie hat einen Fachnamen: Frisson. Gemeint ist der Schauer, der bei einer bestimmten Stelle über den Rücken läuft. Messbar ist er an drei Dingen gleichzeitig: an der Gänsehaut, an der elektrischen Leitfähigkeit der Haut, die über das vegetative Nervensystem ansteigt, und an der Erweiterung der Pupille.

Blood und Zatorre zeigten 2001, dass dieser Schauer mit der Aktivierung von Hirnbereichen einhergeht, die für Belohnung zuständig sind, darunter der Nucleus accumbens und der orbitofrontale Kortex. Es sind dieselben Bereiche, die auf andere angenehme Reize ansprechen.

Und es lässt sich sagen, welche Stellen in der Musik den Schauer auslösen. Es sind nicht die schönen, sondern die überraschenden: laute Passagen, plötzliche Tonartwechsel, Vorhalte, also Töne, die zunächst nicht in den Akkord passen und sich erst danach auflösen. Allgemein gesagt: Abweichungen von dem, was die Hörerin nach dem bisherigen Verlauf erwartet.

Damit hängt die stärkste messbare Gefühlswirkung von Musik nicht an der Musik allein, sondern an der Erwartung, die sie zuvor aufgebaut hat. Wer den bisherigen Verlauf nicht mitbekommen hat, kann von der Abweichung auch nicht getroffen werden. Die Gänsehaut sitzt damit nicht im Akkord, sondern im Unterschied zwischen dem, was kommt, und dem, was man erwartet hat.

Was Musik mit Gefühlen tatsächlich anstellt

Das ist keine Absage an die Wirkung von Musik, sondern eine Verschiebung der Erklärung. Musik verändert nachweisbar die Stimmung, und die Stimmung verändert die Leistung. Das ist ein realer Zusammenhang, er ist nur weniger verkaufsfähig als der Satz, ein Komponist des 18. Jahrhunderts mache Kinder klüger.

Wo die Wirkung von Musik am besten belegt ist, steht auf dieser Seite an anderer Stelle: Der Erinnerungsbuckel erklärt, warum die Lieder der Jugendjahre haften bleiben, und die aktuelle Übersichtsarbeit zur Musik in der Demenzpflege zeigt, bei welchen Zielgrößen sich ein Effekt nachweisen lässt und bei welchen nicht. Beides unter Warum die Musik der Jugend haften bleibt.

Warum sich die Geschichte trotzdem hält

Der Mozart-Effekt ist seit dreißig Jahren widerlegt und wird trotzdem weiterverkauft, in Form von Aufnahmen für Schwangere, Einschlafhilfen und Lernmusik. Der Grund liegt in der Bauart der Behauptung: Sie ist billig, angenehm und kaum zu widerlegen, weil niemand nachmisst, ob sein Kind ohne Mozart schlechter rechnen würde.

Genau darin liegt der Wert der Zahlen von oben. 36 Personen, 15 Minuten, eine Aufgabenart, kein gemessener Intelligenzquotient, 39 nachfolgende Studien ohne stützenden Befund. Die Geschichte ist damit nicht bestritten, sondern gerechnet, und das ist der Unterschied.

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