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Musikinstrumente ordnen: das System von 1914

6 Min. LesezeitMedien
Musikinstrumente aus aller Welt: Eine klangvolle Reise
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Zusammenfassung

Für die Aufgabe, sämtliche Musikinstrumente der Welt zu ordnen, gibt es seit 1914 ein deutsches System. Erich Moritz von Hornbostel und Curt Sachs teilten alles, was klingt, nach einer einzigen Frage ein: Was schwingt eigentlich? Vier Antworten reichten, eine fünfte kam 1940 dazu. Bis heute ordnet dieses System die Sammlungen der Museen dieser Welt. Die Frage lautet nicht, wie man es spielt, sondern was schwingt Die übliche Einteilung nach Streichern, Bläsern und Schlagwerk stammt aus dem Sinfonieorchester und versagt, sobald man es verlässt.

Für die Aufgabe, sämtliche Musikinstrumente der Welt zu ordnen, gibt es seit 1914 ein deutsches System. Erich Moritz von Hornbostel und Curt Sachs teilten alles, was klingt, nach einer einzigen Frage ein: Was schwingt eigentlich? Vier Antworten reichten, eine fünfte kam 1940 dazu. Bis heute ordnet dieses System die Sammlungen der Museen dieser Welt.

Die Frage lautet nicht, wie man es spielt, sondern was schwingt

Die übliche Einteilung nach Streichern, Bläsern und Schlagwerk stammt aus dem Sinfonieorchester und versagt, sobald man es verlässt. Wohin gehört eine Maultrommel, wohin eine Sansula, wohin ein australisches Didgeridoo? Die Orchestereinteilung beschreibt Sitzordnungen, keine Instrumente.

Hornbostel und Sachs stellten deshalb eine andere Frage. Nicht: Wie wird der Ton erzeugt, mit Bogen, Mund oder Schlägel? Sondern: Was genau gerät in Schwingung? Diese Frage lässt sich an jedem Gegenstand der Welt stellen, unabhängig von Kultur, Epoche und Spielweise.

HauptklasseWas schwingtBeispiele
Idiophonedas Material des Instruments selbst, ohne Membran und ohne SaiteXylophon, Maultrommel, Klangschale, Kastagnetten
Membranophoneeine straff gespannte MembranTabla, Djembe, Pauke, Schlagzeug
Chordophoneeine oder mehrere Saiten zwischen festen PunktenGeige, Kora, Sitar, Klavier
Aerophonedie Luft selbstFlöte, Didgeridoo, Orgel, Akkordeon
Elektrophoneein elektrisch erzeugtes SignalSynthesizer, Theremin, Trautonium

Überraschend ist vor allem die dritte Zeile. Das Klavier ist nach diesem System kein Schlaginstrument, obwohl Hämmer auf Saiten schlagen, sondern ein Chordophon, weil die Saite den Ton erzeugt. Und die Pauke steht neben der Djembe, weil in beiden Fällen ein Fell schwingt.

Veröffentlicht 1914 in der Zeitschrift für Ethnologie

Der Aufsatz trägt den Titel "Systematik der Musikinstrumente. Ein Versuch" und erschien 1914. Der Vorläufer stammt von Victor-Charles Mahillon, im 19. Jahrhundert Kurator am Brüsseler Konservatoriumsmuseum, der 1888 Instrumente nach dem schwingenden Körper in vier Gruppen einteilte.

Die Leistung von Hornbostel und Sachs bestand darin, dieses System so zu erweitern, dass sich Instrumente aus allen Kulturen der Welt darin einordnen lassen. Die fünfte Hauptgruppe, die Elektrophone, formulierte Curt Sachs 1940 nach. Sie war 1914 noch nicht nötig, weil es die Sache noch nicht gab.

Acht Instrumente aus acht Ländern, einsortiert

Der Nutzen des Systems zeigt sich erst an Beispielen. Die folgenden acht Instrumente stammen von fünf Kontinenten und haben musikalisch nichts miteinander zu tun. Nach Hornbostel und Sachs fallen sie trotzdem in vier saubere Gruppen.

InstrumentHerkunftKlasseWas schwingt
TablaIndienMembranophonzwei Trommelfelle, gestimmt über Riemen und Klötze
DjembéWestafrikaMembranophonein Ziegenfell über einem Holzkelch
CajónPeruIdiophondie Holzplatte der Kiste selbst, kein Fell
DidgeridooAustralienAerophondie Luftsäule in einem von Termiten ausgehöhlten Stamm
DudelsackSchottlandAerophonLuft aus einem Sack, geführt über Rohrblätter
SitarIndienChordophonSpiel- und mitschwingende Resonanzsaiten
ShamisenJapanChordophondrei Saiten über einem mit Haut bespannten Korpus
ErhuChinaChordophonzwei Saiten, gestrichen, der Bogen liegt zwischen ihnen

Zwei Dinge fallen dabei auf. Erstens landet das Cajón, das aussieht und klingt wie eine Trommel, bei den Idiophonen, weil es kein Fell hat, sondern eine Holzplatte. Zweitens stehen Shamisen und Sitar in derselben Gruppe wie das Klavier, obwohl niemand sie zusammen in ein Orchester setzen würde.

Genau das ist der Punkt einer Systematik: Sie ordnet nach dem, was messbar ist, und nicht nach dem, was zusammen gespielt wird. Wer Instrumente nach Klangeindruck sortiert, bekommt eine Rangliste. Wer sie nach der schwingenden Sache sortiert, bekommt einen Katalog, der auch für das nächste unbekannte Instrument noch funktioniert.

Die Nummerierung funktioniert wie eine Bibliothekssignatur

Aufgebaut ist das System als hierarchische Dezimalklassifikation: Je mehr Ziffern, desto genauer die Bestimmung. Aus der 1 für Idiophone wird die 11, daraus die 111 und so weiter. Wer eine Nummer liest, weiß, wo das Instrument im Baum hängt, ohne es je gesehen zu haben.

Das ist kein Zufall, sondern das Vorbild der Bibliothekskataloge, und es erklärt, warum das System so lange gehalten hat. Es ist nicht abgeschlossen. Ein bisher unbekanntes Instrument bekommt eine weitere Ziffernstelle, statt das System zu sprengen.

Was der Fall Stradivari über Instrumente verrät

Kein Instrument trägt so viel Zuschreibung wie eine Geige von Antonio Stradivari. Von den über 1.100 gebauten Instrumenten sind rund 650 erhalten. Bezahlt werden dafür Summen wie 15,9 Millionen Dollar für die "Lady Blunt" von 1721, verkauft 2011, oder 3,6 Millionen Dollar für die "Molitor" von 1697, verkauft 2010.

Die Frage, ob diese Instrumente tatsächlich besser klingen, ist untersucht worden, und zwar in Blindversuchen von Claudia Fritz und Joseph Curtin, veröffentlicht in den Proceedings of the National Academy of Sciences.

JahrVersuchErgebnis
2012erfahrene Geiger spielen alte und neue Instrumente blind, kurze Zeit, kleiner RaumDie Spieler konnten Alt und Neu nicht unterscheiden.
2014Solisten vergleichen sechs alte italienische und sechs neue GeigenDie neuen Instrumente wurden für ihre Tragfähigkeit besser bewertet und bevorzugt.
2017Bewertung durch Zuhörererneut Vorzug für die neuen Instrumente

Der Widerspruch dazu ist ebenfalls dokumentiert und ernst zu nehmen: Die Versuche waren meist nicht doppelblind angelegt, die Sachkunde der Urteilenden ist unterschiedlich, und Klangqualität lässt sich schwer objektiv und wiederholbar messen. Ein Ergebnis bleibt trotzdem stehen: In keinem dieser Versuche schnitten die alten Instrumente eindeutig besser ab, und das ist bei Preisen im zweistelligen Millionenbereich eine bemerkenswerte Auskunft.

Warum das für die Ordnung der Instrumente wichtig ist

Beide Teile dieses Artikels behandeln dasselbe Problem. Hornbostel und Sachs haben ein Ordnungssystem gebaut, das nach der physikalischen Ursache fragt und nicht nach Herkunft, Ansehen oder Preis. Die Blindversuche fragen dasselbe für die Bewertung: Was hört man tatsächlich, wenn man nicht weiß, was man vor sich hat?

In beiden Fällen fällt das Ergebnis anders aus als die übliche Einteilung. Ein Klavier ist ein Saiteninstrument, eine Maultrommel steht neben dem Xylophon, und eine Geige aus dem 21. Jahrhundert kann eine aus dem 18. schlagen. Das ist der Unterschied zwischen einer Ordnung nach Merkmalen und einer Ordnung nach Gewohnheit.

Das deutsche Erbe an diesem Fach

Bemerkenswert ist, wo dieses System entstand und wie es endete. Erich Moritz von Hornbostel, geboren am 25. Februar 1877 in Wien, leitete von 1906 bis 1933 das Berliner Phonogramm-Archiv, eine Sammlung von Tonaufnahmen aus aller Welt. Berlin war um 1914 eines der Zentren der vergleichenden Musikwissenschaft.

1933 wurde Hornbostel nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen als Halbjude eingestuft und aus seinen Ämtern entlassen. Er emigrierte in die Schweiz, dann in die USA, wo er an der New School for Social Research neben Max Wertheimer arbeitete, und ging 1934 nach Cambridge. Dort starb er am 28. November 1935, mit 58 Jahren.

Das System blieb, sein Urheber nicht. Es ist damit eines der wenigen deutschen Ordnungssysteme, das weltweit bis heute in Gebrauch ist, und es steht in jedem Museumskatalog, der Instrumente aus mehr als einer Kultur zeigt. Wer heute in einem Museum vor einer Vitrine mit einer Nummer wie 111.2 steht, liest eine Notation, die in Berlin entstand und deren Erfinder Deutschland verlassen musste.

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