Astrud Gilberto war keine Sängerin. Sie stand im März 1963 in einem New Yorker Studio, weil sie die einzige Brasilianerin im Raum war, die gut genug Englisch sprach. Für ihren Gesang bekam sie 120 Dollar. Das Stück gewann den Grammy als Aufnahme des Jahres, wurde zum meistgecoverten Popstück nach "Yesterday", und Tantiemen hat sie dafür nie gesehen.
Tochter eines deutschen Einwanderers in Salvador da Bahia
Sie kommt Ende März 1940 in Salvador da Bahia zur Welt, als Astrud Evangelina Weinert. Die Quellen nennen als Geburtstag den 29. und den 30. März. Ihr Vater ist ein deutscher Einwanderer, ihre Mutter Brasilianerin, ihre Schwestern heißen Eda und Iduna. 1947 zieht die Familie nach Rio de Janeiro.
1959 heiratet sie den Musiker João Gilberto, einen der Erfinder des Bossa Nova. 1963 wandern beide in die USA aus. Bis hierhin ist ihre Rolle die der Ehefrau eines bekannten Musikers, nicht die einer Künstlerin.
Sie sang, weil sie als Einzige Englisch konnte
Im März 1963 nimmt João Gilberto zusammen mit dem amerikanischen Saxofonisten Stan Getz in New York ein Album auf. Während der Aufnahmen kommt die Idee auf, von "Garota de Ipanema" auch eine englische Fassung einzuspielen. Astrud Gilberto ist die einzige der anwesenden Brasilianer, die gut genug Englisch spricht. Also singt sie.
Sie hatte keine Gesangsausbildung, keinen Vertrag und keine Erfahrung im Studio. Bezahlt wurde sie mit 120 Dollar für ihren Anteil, dem üblichen Satz für eine Studiokraft. Auf der Platte wurde sie nicht als Mitwirkende genannt, und Tantiemen erhielt sie nicht.
Was aus den 120 Dollar wurde
Das Album "Getz/Gilberto" erscheint im März 1964, ein Jahr nach der Aufnahme. Die Single erreicht in den USA Platz 5 der Billboard Hot 100 und steht zwei Wochen lang auf Platz 1 der Easy-Listening-Charts, in Großbritannien kommt sie auf Platz 29.
| Angabe | Wert |
|---|---|
| Aufnahme | März 1963, New York |
| Veröffentlichung | März 1964 |
| Honorar für Astrud Gilberto | 120 Dollar |
| Nennung auf der Platte | keine |
| Tantiemen | keine |
| US-Chartplatzierung Single | Platz 5 Hot 100, zwei Wochen Platz 1 Easy Listening |
| UK-Chartplatzierung | Platz 29 |
| Grammy | Aufnahme des Jahres 1965 |
| Grammy Hall of Fame | 2000 |
1965 gewinnt die Aufnahme den Grammy als Record of the Year, also als Aufnahme des Jahres, und wird im Jahr 2000 in die Grammy Hall of Fame aufgenommen. "The Girl from Ipanema" gilt heute als das am zweithäufigsten aufgenommene Popstück der Geschichte, nach "Yesterday" von den Beatles.
Man kann diese Zahlen nebeneinanderlegen und muss nichts weiter dazu sagen. Eine Frau ohne Gesangsausbildung singt gegen ein Pauschalhonorar zwei Strophen ein, das Ergebnis läuft seit sechzig Jahren, und sie hat daran nichts verdient. Der Fall ist im Musikgeschäft nicht ungewöhnlich, sondern die Regel für alle, die zum Aufnahmetermin nicht als Künstler geführt werden.
Das Album gewann drei Grammys, das Stück einen vierten
Aufgenommen wurde "Getz/Gilberto" am 18. und 19. März 1963 in den A&R Recording Studios in New York, in zwei Tagen. Beteiligt waren Stan Getz am Tenorsaxofon, João Gilberto an Gitarre und Gesang, Antônio Carlos Jobim am Klavier, Sebastião Neto am Kontrabass und Milton Banana an Schlagzeug und Pandeiro. Astrud Gilberto singt auf einzelnen Stücken.
Erschienen ist die Platte im März 1964 bei Verve Records. Verkauft hat sie sich über eine Million Mal, mit Gold in den USA, Kanada, Argentinien und Italien sowie Silber in Großbritannien.
Bei den Grammy-Verleihungen 1965 gewann das Album drei Auszeichnungen: als Album des Jahres, als bestes Jazzalbum und für die beste nichtklassische Tontechnik. Dazu kam der vierte für "The Girl from Ipanema" als Aufnahme des Jahres. Es war nach "The Music from Peter Gunn" von Henry Mancini aus dem Jahr 1959 das zweite Jazzalbum, das als Album des Jahres ausgezeichnet wurde.
Diese Platte gilt als die Aufnahme, die den Bossa Nova weltweit bekannt gemacht hat. Zwei Studiotage im März 1963 haben damit eine brasilianische Musikform in den Weltmarkt gebracht, und die Stimme, an der die meisten Menschen sie erkennen, gehörte einer Frau, die nicht auf dem Plattencover stand.
Danach machte sie daraus einen Beruf
1965 erscheint ihr erstes eigenes Album, "The Astrud Gilberto Album". Es folgen rund achtzehn Soloalben bis 2002. Sie arbeitet mit Stan Getz, mit Stanley Turrentine, mit Shigeharu Mukai und mit dem deutschen Bandleader James Last.
Ihr Stil blieb dabei der aus dem Zufall entstandene: leise, ohne Vibrato, ohne Anstrengung, fast beiläufig. Genau das war zunächst als Mangel wahrgenommen worden und wurde dann zum Markenzeichen. Eine geschulte Stimme hätte dem Bossa Nova die Zurückhaltung genommen, die ihn ausmacht.
1992 erhält sie den Latin Jazz USA Award für ihr Lebenswerk.
2001 hört sie auf und malt
Nach rund vier Jahrzehnten zieht sie sich 2001 aus dem Musikgeschäft zurück und wendet sich der Malerei zu. Ihre verbliebene Bekanntheit setzt sie danach für den Tierschutz und für Tierrechte ein.
Astrud Gilberto stirbt am 5. Juni 2023 mit 83 Jahren in Philadelphia.
Warum dieser Fall mehr über die Branche sagt als über sie
Die Erzählung vom Zufall wird bei ihr gern romantisch geführt: die schöne Unbekannte, die zufällig ins Mikrofon singt und über Nacht berühmt wird. Die Zahlen erzählen etwas anderes.
Berühmt wurde die Aufnahme, nicht die Sängerin, und der Unterschied ist wirtschaftlich entscheidend. Wer als Studiokraft bezahlt wird, hat keinen Anteil am Erfolg, egal wie groß dieser Erfolg wird und wie erkennbar der eigene Beitrag ist. Dieselbe Konstruktion findet sich bei den Studiosängern, deren Stimmen unter fremdem Namen erschienen, nachzulesen auf dieser Seite unter Frank Farian.
Der Unterschied zu jenem Fall ist allerdings wesentlich: Bei Milli Vanilli wurde verschwiegen, wer sang. Bei "The Girl from Ipanema" wurde nichts verschwiegen, es wurde nur nichts bezahlt. Das eine war Betrug, das andere ein Vertrag. Für die Betroffene lief es aufs Gleiche hinaus.