Am 31. März 1960 eröffnete auf einer Waldlichtung bei Frankfurt das erste Autokino Deutschlands. Es spielt heute noch. Von allem, was seither dazukam, lassen sich zum 29. August 2026 acht Standorte als in Betrieb belegen, vier davon ganzjährig.
Das ist weniger, als jede Übersicht im Netz nennt. Der Grund ist banal: Die meisten Listen sind seit 2020 nicht mehr angefasst worden. Das Autokino Köln-Porz, das in fast allen steht, spielte am 31. Oktober 2024 zum letzten Mal.
Das erste Autokino stand im Wald bei Frankfurt
Der erste Versuch ging 1954 in Erlangen schief. Gezeigt wurde "Schloss Hubertus", der Septemberabend war lau, die Zuschauer stiegen aus und setzten sich auf die Kühlerhauben. Ein Veranstalter befand, in Deutschland seien die Autos noch nicht die verlängerten Beine der breiten Masse.
Der zweite Anlauf kam aus Südafrika. Hermann Franz Passage, ein deutschstämmiger Ingenieur aus Pretoria, hatte dort zwanzig Autokinos gebaut, pachtete eine Wiese am Forsthaus Gravenbruch bei Neu-Isenburg und investierte 1,5 Millionen Mark. Zur Eröffnung lief "Der König und ich", der Eintritt kostete 2,75 Mark, es regnete, und mehr als 1000 Besucher kamen.
Gravenbruch nennt sich heute ältestes Autokino Europas. Ganz stimmt das nicht, denn das erste des Kontinents öffnete 1957 bei Rom. Belegbar ist nur die engere Fassung: erstes Autokino nördlich der Alpen. Das zweite deutsche kam 1966 nach Berlin-Siemensstadt, das dritte 1967 nach Köln-Porz.
Der Höchststand ist umstritten
Eine amtliche Zählung der Standorte hat es nie gegeben, deshalb stehen mehrere Zahlen nebeneinander. Katja Iken schrieb am 30. März 2010 auf dem Spiegel-Angebot einestages, bis Anfang der siebziger Jahre sei die Zahl auf 40 hochgeschnellt. Der Kölner Stadt-Anzeiger nannte 23, die Wikipedia-Autoren zählen 21 im Jahr 1978.
Der Widerspruch hängt an der Zähleinheit. Die Filmförderungsanstalt erfasst Bildwände, nicht Standorte, und viele Autokinos haben zwei oder drei. Nach dieser Reihe lag der Höchstwert bei 38 Bildwänden im Jahr 2004, also lange nach der angeblichen Blütezeit, und fiel bis 2020 auf 17. Die Zuschauerreihe ist eindeutiger: 553.534 im Jahr 2002, 293.784 im Jahr 2019.
Was den Rückgang ausgelöst hat
Der erste Schlag kam 1980 mit der Sommerzeit. Projektion braucht Dunkelheit, also rutschte die erste Vorstellung von 20 auf 21 Uhr, im Hochsommer auf 22. Pro Abend fiel eine Vorstellung weg. Danach kamen Privatfernsehen, Videokassette, Multiplexe und die Kosten der Digitalisierung.
Gerettet hat die Betriebsform Walter H. Jann aus Starnberg: Er kaufte die großen westdeutschen Anlagen auf und stellte sie mit Auto- und Flohmärkten auf ein zweites Standbein. Daran ist Porz zuletzt gescheitert. Die Stadt Köln stellte fest, dass für die Marktnutzung des Geländes keine Baugenehmigung vorlag, und ohne diese Einnahmen trug sich das Kino nicht mehr.
Die Standorte, die heute belegt sind
Die Liste bezieht sich auf den 29. August 2026. Aufgenommen ist nur, was sich an diesem Tag beim Betreiber oder in einem aktuellen Spielplan prüfen ließ. Sie kann unvollständig sein.
Ganzjährig spielen vier Anlagen, alle unter derselben Betriebsgesellschaft: Gravenbruch in Neu-Isenburg in Hessen seit 1960, Essen-Bergeborbeck in Nordrhein-Westfalen seit 1968, Aschheim bei München in Bayern seit 1969 und Kornwestheim bei Stuttgart in Baden-Württemberg seit 1969. Essen ist seit dem Aus in Porz das einzige Autokino in Nordrhein-Westfalen.
Saisonal spielen vier weitere: Zempow bei Wittstock in Brandenburg, 1977 auf dem Gelände einer Hühnermast-LPG entstanden und bis zur Wiedervereinigung das einzige Autokino der DDR; Langenhessen an der Koberbachtalsperre bei Werdau in Sachsen, seit 1991 und mit drei Bildwänden das größte der kleinen; die Greifensteine bei Geyer im Erzgebirge, seit 1997; und das Autokino Usedom in Koserow, seit 1996 das einzige auf der Insel.
Zempow ist der interessanteste Fall: Der Betrieb endete 2016, seit 2021 spielt dort wieder ein Kulturverein. Der einzige Standort der Liste, der einmal weg war und zurückkam.
Der Ausnahmesommer 2020
Im Frühjahr 2020 war das Autokino für Wochen die einzige erlaubte Form von Kino. Die Ausnahmegenehmigungen kamen gestaffelt: Kornwestheim am 18. März, Essen am 19. März, Porz am 3. April, Gravenbruch am 20. April, Aschheim erst am 11. Mai.
Was danach geschah, zeigt ein Bundesland. In Nordrhein-Westfalen gab es Ende März 2020 zwei Autokinos. Sieben Wochen später zählte die Film- und Medienstiftung NRW über 70 neue, von denen rund 50 spielten. Die Filmförderungsanstalt bezifferte den Effekt in Tickets: 1,5 Millionen verkaufte Autokinokarten im ersten Halbjahr 2020, gegenüber 110.000 im ganzen Jahr 2019.
Geblieben ist davon nichts. Kein einziger der acht heute belegten Standorte stammt aus diesem Boom.
Was sich nicht belegen ließ
Drei Standorte, die in gängigen Übersichten noch als saisonale Autokinos stehen, ließen sich weder als offen noch als geschlossen nachweisen und fehlen deshalb: Prora bei Binz auf Rügen, Ahlbeck auf Usedom und der Halbendorfer See in Schleife. Bei den ersten beiden stammt jede auffindbare Beschreibung aus 2018 bis 2021, die Domains antworten nicht mehr; beim dritten lieferte die Betreiberseite zweimal einen Serverfehler.
Auch das Eröffnungsdatum von Gravenbruch ist nicht eindeutig: Bayerischer Rundfunk und Spiegel nennen den 31. März 1960, die Wikipedia den 30. März, gelegentlich wird der 29. März genannt, an dem aber nur eine Testvorführung lief. Die Besucherzahl für 2019 widerspricht sich ebenfalls: 293.784 in der Sonderformenstudie der Filmförderungsanstalt, 110.000 in deren Halbjahresbilanz für 2020.
Quellen
Geschichte und Zahlen: der Wikipedia-Artikel Autokino, Fassung vom 21. August 2026; das Kalenderblatt von Bayern 2 zum 31. März 1960; Katja Iken auf einestages vom 30. März 2010, über das Internet Archive; die Film- und Medienstiftung NRW vom 19. Mai 2020; die Halbjahresbilanz der Filmförderungsanstalt, wiedergegeben bei Horizont.
Standorte: die Seiten der Betreiber sowie die Spielplaneinträge auf allekinos.de, filmstarts.de und kinoprogramm.com. Schließungen: der Kölner Stadt-Anzeiger vom 20. Juni 2024, die Autokino-Seite von berlin.de, zu Zempow die Stadt Wittstock/Dosse.
