Musik und Malerei haben sich nicht in der Synästhesie getroffen, sondern auf einem Quadrat von 31,4 Zentimetern Kantenlänge. Bis 1940 waren Plattenhüllen unbedruckt, schlichte Papiertaschen. Dann gestaltete ein 22-Jähriger die erste illustrierte Hülle, und der Absatz stieg um 895 Prozent. Von da an war das Bild Teil des Produkts.
Bis 1940 waren Plattenhüllen leer
Wer vor 1940 eine Schallplatte kaufte, bekam sie in einer unbedruckten Verpackung. Es gab kein Motiv, keine Farbe, oft nicht einmal einen Titel auf der Vorderseite. Das Bild zur Musik existierte schlicht nicht, weil niemand auf die Idee gekommen war, dass es sich lohnen könnte.
Alex Steinweiss, geboren am 24. März 1917 in Brooklyn, machte sich 1939 selbstständig und arbeitete ab 1940 als Art Director bei Columbia Records. Im Februar 1940 erschien seine erste illustrierte Plattenhülle für das Album "Smash Song Hits by Rodgers and Hart". Das Motiv zeigt die Theatermarkise des Imperial Theatre mit leuchtenden Schriftzügen.
Der erste illustrierte Umschlag steigerte den Absatz um 895 Prozent
Diese Zahl ist der Grund, warum es heute Plattencover gibt. Gegenüber vergleichbaren Platten stieg der Absatz um 895 Prozent. Kein Argument über Kunst hätte gereicht, diese Zahl reichte sofort.
Steinweiss gestaltete im Lauf seines Lebens weit über zweitausend Plattenhüllen und zog sich 1972 mit 55 Jahren aus dem Geschäft zurück. Er starb am 17. Juli 2011 mit 94 Jahren. Sein Motiv von 1942 taucht dreißig Jahre später an prominenter Stelle wieder auf, dazu weiter unten mehr.
Reid Miles gestaltete 500 Blue-Note-Cover und hörte die Platten nie
Die künstlerisch folgenreichste Serie entstand bei einem Jazzlabel. Reid Miles, geboren am 4. Juli 1927 in Chicago, entwarf in 15 Jahren rund fünfhundert Plattencover für Blue Note Records. Seine Mittel: Fotografien von Francis Wolff, oft Straßenaufnahmen der Musiker, dazu große dicke Farbblöcke, serifenlose Blockschrift in extremen Größen und ein enger, schräg gesetzter Beschnitt.
Das Bemerkenswerte an dieser Arbeit ist ihre Entstehung. Miles mochte Jazz nicht besonders, er bevorzugte klassische Musik und hörte sich die Aufnahmen nach eigener Auskunft nie an. Seine Anregungen holte er sich aus Gesprächen mit dem Blue-Note-Gründer Alfred Lion. Der Stil, der bis heute als sichtbarer Ausdruck des Jazz gilt, stammt also von jemandem, der die Musik dazu nicht hörte.
Wer sich fragt, wie eng Bild und Klang wirklich zusammenhängen, hat hier die unbequemste Antwort des ganzen Themas.
Ein Cover alle elf Tage, fünfzehn Jahre lang
Beide Lebenswerke lassen sich in eine Taktzahl umrechnen, und das Ergebnis erklärt den Stil besser als jede Beschreibung. Reid Miles kam mit rund 500 Entwürfen in 15 Jahren auf etwa 33 Cover im Jahr, also eines alle elf Tage. Alex Steinweiss lieferte zwischen 1940 und seinem Rückzug 1972 weit über zweitausend Hüllen, das sind über 60 im Jahr oder eines alle sechs Tage.
Bei dieser Taktzahl entsteht kein Kunstwerk im Einzelfall, sondern ein System. Deshalb sind Miles-Cover an Farbblock, Beschnitt und Schriftgröße erkennbar: Er hatte keine Zeit, jedes Mal neu anzufangen. Was heute als unverwechselbare Handschrift gilt, war ursprünglich eine Antwort auf einen Abgabetermin.
Knappheit erzeugt auf diesem Weg Wiedererkennbarkeit, und Wiedererkennbarkeit ist die Vorstufe von Kult. Ein Gestalter, der sich für jedes Cover neu erfinden darf, hinterlässt am Ende keinen Stil, sondern eine Sammlung.
Warhols Banane ließ sich abziehen, und das Album floppte
Am 12. März 1967 erschien "The Velvet Underground and Nico" bei Verve Records. Andy Warhol gestaltete das Cover zusammen mit mehreren Beteiligten aus seinem Umfeld und der Designabteilung von MGM. Die Vorderseite zeigt eine Banane mit der Aufforderung "peel slowly and see": Die aufgedruckte Schale ließ sich abziehen, darunter kam das Fruchtfleisch in Pink zum Vorschein.
Kommerziell war das Album ein Desaster. Es kam auf Platz 171 der amerikanischen Charts. Plattenläden und Radiosender nahmen es aus dem Programm, weil es von Drogen, Prostitution und Sadomasochismus handelt. David Bowie sagte über eine Testpressung von 1966, mit dem Spaß sei es nun offensichtlich vorbei gewesen, das hier habe eine Coolness gehabt, die er nie für möglich gehalten hätte.
Damit liegt hier der klassische Kult-Fall vor: Der messbare Erfolg war winzig, die Wirkung riesig. Das Bild ist heute bekannter als jedes einzelne Stück auf der Platte.
Ein Prisma wurde das meistverkaufte Bild der Popmusik
Am 1. März 1973 erschien "The Dark Side of the Moon" von Pink Floyd. Das Cover entwarf George Hardie vom Designstudio Hipgnosis, die Gestaltung verantwortete Storm Thorgerson. Es zeigt die Brechung eines weißen Lichtstrahls an einem Prisma, der sich in die Spektralfarben auffächert.
Und hier schließt sich der Kreis zum Anfang: Das Motiv zitiert ein Plattencover von Alex Steinweiss aus dem Jahr 1942, bei dem an derselben Stelle ein Klavier stand. Die bekannteste Plattenhülle der Popmusik ist also eine Abwandlung einer Arbeit des Mannes, der die Plattenhülle erfunden hat.
Die Zahlen dazu: über 50 Millionen verkaufte Exemplare weltweit, 990 Wochen in den amerikanischen Albumcharts, Platz 1 am 28. April 1973. Das sind mehr als 19 Jahre Chartpräsenz für eine einzige Platte.
Peter Saville verkaufte eine Hülle, die mehr kostete als sie einbrachte
Der Gegenentwurf zum Massenerfolg steht in Manchester. Für "Blue Monday" von New Order entwarf Peter Saville zusammen mit Brett Wickens eine Hülle, die einer 5,25-Zoll-Diskette nachempfunden war, mit Stanzungen und Sonderfarben. Die Herstellung kostete mehr, als die Platte einbrachte, Labelchef Tony Wilson bezifferte den Verlust auf fünf Pence je Hülle.
Die vollständige Rechnung dazu, samt Verkaufszahlen und dem Widerspruch zwischen Wilsons Angabe und Savilles späterer Einschätzung, steht auf dieser Seite unter Indie-Musik. Für das Thema hier zählt nur der Befund: Ein Label hat seine erfolgreichste Platte bewusst mit Verlust verkauft, weil die Verpackung wichtiger war als die Marge. Das ist der Punkt, an dem die Hülle aufhört, Werbung zu sein.
Die Fläche schrumpfte von 986 auf 144 Quadratzentimeter
Was die Sache technisch beendet hat, ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Maßangabe. Eine LP-Hülle misst rund 31,4 mal 31,4 Zentimeter, das sind etwa 986 Quadratzentimeter Bildfläche. Das Titelbild einer CD misst 12 mal 12 Zentimeter, also 144 Quadratzentimeter.
| Träger | Kantenlänge | Bildfläche | Anteil an der LP |
|---|---|---|---|
| Langspielplatte | rund 31,4 cm | rund 986 cm² | 100 Prozent |
| CD-Titelbild | 12 cm | 144 cm² | rund 15 Prozent |
| Vorschaubild auf dem Telefon | rund 2,5 cm | rund 6 cm² | unter 1 Prozent |
Die CD hat das Bild also auf ein Siebtel geschrumpft, das Vorschaubild einer Streamingliste auf weniger als ein Hundertstel. Eine Gestaltung wie die von Reid Miles, die mit Beschnitt, Schriftgröße und Detail arbeitet, funktioniert auf sechs Quadratzentimetern nicht mehr. Sie ist nicht aus der Mode gekommen, sie passt nicht mehr hin.
Was von der Verbindung bleibt
Die Rede von der Verwandtschaft zwischen Musik und Malerei ist alt und meist folgenlos. Was tatsächlich passierte, lässt sich dagegen datieren: Februar 1940 die erste illustrierte Hülle, ab den fünfziger Jahren die Blue-Note-Serie, 1967 die Banane, 1973 das Prisma, 1983 die Diskettenhülle mit Verlustgeschäft.
In diesen gut vierzig Jahren war die Plattenhülle das Format, in dem Grafiker ein Millionenpublikum erreichten, ohne dass es Kunst genannt wurde. Danach hat die Verkleinerung des Trägers diese Möglichkeit beendet. Übrig ist ein Bild, das die meisten Menschen kennen, ohne den Namen des Gestalters zu wissen, und genau das war von Anfang an der Zweck der Sache.
