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Elektronische Musik: der Anfang lag in Köln

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Elektronische Musik: Entwicklung und Einfluss
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Zusammenfassung

Elektronische Musik ist keine Erfindung der Discos. Sie beginnt am 18. Oktober 1951 in einem Rundfunkhaus in Köln, mit Sinusgeneratoren und einer Schere. Für 3 Minuten und 20 Sekunden Musik schnitt Karlheinz Stockhausen 1954 Tonband in Stücke von vier Zentimetern und klebte daraus Schleifen von zwanzig Zentimetern. Das Ergebnis war das erste Stück elektronischer Musik, von dem je eine gedruckte Partitur erschien.

Elektronische Musik ist keine Erfindung der Discos. Sie beginnt am 18. Oktober 1951 in einem Rundfunkhaus in Köln, mit Sinusgeneratoren und einer Schere. Für 3 Minuten und 20 Sekunden Musik schnitt Karlheinz Stockhausen 1954 Tonband in Stücke von vier Zentimetern und klebte daraus Schleifen von zwanzig Zentimetern. Das Ergebnis war das erste Stück elektronischer Musik, von dem je eine gedruckte Partitur erschien.

Am 18. Oktober 1951 genehmigte ein Intendant das Studio

An diesem Tag saßen beim damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk in Köln der Phonetiker Werner Meyer-Eppler, der Tonmeister Robert Beyer, der Techniker Fritz Enkel und der Komponist Herbert Eimert zusammen. Am selben Abend lief eine Sendung über elektronische Musik. Intendant Hanns Hartmann gab daraufhin grünes Licht für ein eigenes Studio. Dieses Datum gilt als Gründung des Studios für Elektronische Musik.

Es ist eine Besonderheit dieser Geschichte, dass sie nicht in einem Konservatorium und nicht in einer Fabrik stattfindet, sondern in einer Rundfunkanstalt. Der Rundfunk hatte, was sonst niemand hatte: Tonbandmaschinen, Messtechnik, schallgedämpfte Räume und Techniker, die damit umgehen konnten. Und er hatte Sendezeit, also ein Publikum.

Zwanzig Jahre vorher stand in Berlin schon ein elektronisches Instrument

Die Vorgeschichte beginnt 1930. Der Ingenieur Friedrich Trautwein und der Musiker Oskar Sala, den Paul Hindemith zu ihm gebracht hatte, entwickelten gemeinsam das Trautonium, eines der ersten elektronischen Instrumente überhaupt. Im selben Jahr wurde es öffentlich vorgestellt. Sala studierte von 1931 bis 1936 Physik bei Trautwein und baute das Gerät zwischen 1948 und 1952 zum Mixtur-Trautonium aus, auf das er sich Patente in Deutschland, Frankreich und den USA sicherte.

Der bekannteste Einsatz dieses Instruments steht in keinem Konzertprogramm, sondern im Kino: Die Vogelschreie in Alfred Hitchcocks "Die Vögel" von 1963 entstanden nicht in Hollywood, sondern in einem Berliner Hinterhof an Salas Trautonium. Insgesamt lieferte Sala Klänge für über 300 Dokumentar- und Industriefilmproduktionen. Er lebte von 1910 bis 2002, seine Instrumente stehen heute im Musikinstrumenten-Museum Berlin und im Deutschen Museum in München.

Die Trennung zum Kölner Studio ist wichtig: Das Trautonium ist ein Instrument, man spielt es mit den Händen. In Köln ging es genau darum nicht.

Im Studio standen Generatoren, kein einziges Instrument

Zur Ausstattung gehörten das Monochord und das Melochord, dazu Sinusgeneratoren, Rauschgeneratoren, Ringmodulatoren, Filter und Tonbandmaschinen. Bemerkenswert ist, was fehlte: ein Instrument im herkömmlichen Sinn. Es gab nichts zu spielen. Jeder Klang musste aus Einzelbestandteilen zusammengesetzt und auf Band geschnitten werden.

Damit entstand ein grundsätzlicher Unterschied zur Pariser Schule. Dort hatte Pierre Schaeffer ab 1948 die Musique concrète begründet: Musik aus aufgenommenen Wirklichkeitsgeräuschen, Eisenbahnen, Türen, Stimmen, danach bearbeitet. Köln machte das Gegenteil und baute jeden Klang künstlich aus Sinustönen auf. Konkret gegen synthetisch, Aufnahme gegen Konstruktion. Aus diesem Streit ist alles hervorgegangen, was heute aus Lautsprechern kommt.

Für 200 Sekunden Musik brauchte es 193 Klanggemische

Wie viel Arbeit in dieser Konstruktion steckte, lässt sich an Stockhausens "Studie II" von 1954 genau nachrechnen. Das Stück dauert 3 Minuten und 20 Sekunden. Dafür stellte Stockhausen 193 verschiedene Klanggemische her, jedes aus fünf Sinustönen.

Der Weg dorthin: Die einzelnen Sinustöne wurden auf Band aufgenommen, in Stücke von vier Zentimetern geschnitten und zu Schleifen von zwanzig Zentimetern zusammengeklebt. Diese Schleifen liefen mit 76,2 Zentimetern pro Sekunde durch einen halligen Raum, damit die Töne miteinander verschmolzen, und das Ergebnis wurde auf ein neues Band aufgenommen. Die Tonhöhen entstammen dabei nicht der Oktave, sondern einer eigens errichteten Skala aus 81 gleichabständigen Stufen zwischen 100 und 17.247 Hertz.

Angabe zu "Studie II"Wert
Entstehungsjahr1954
Dauer3 Minuten 20 Sekunden
Klanggemische193
Sinustöne je Gemisch5
Länge der geschnittenen Bandstücke4 Zentimeter
Länge der geklebten Schleifen20 Zentimeter
Bandgeschwindigkeit76,2 Zentimeter je Sekunde
Tonskala81 Stufen von 100 bis 17.247 Hertz
Uraufführung19. Oktober 1954, Köln, Reihe "Musik der Zeit"

Zur Einordnung: Was hier in Wochen entstand, erledigt heute jedes Musikprogramm auf einem Laptop in Sekunden. Der Unterschied ist nicht nur technischer Art. Wer jeden Ton einzeln kleben muss, überlegt sich vorher genau, welchen er will.

"Studie II" ist die erste gedruckte Partitur elektronischer Musik

Erschienen ist sie bei der Universal Edition in Wien. Das klingt nach einer Fußnote, ist aber der eigentliche Bruch. Eine Partitur bedeutet: Das Stück ist nicht länger eine einmalige Bandaufnahme, sondern eine nachvollziehbare Anweisung. Man kann es prüfen, kritisieren, unterrichten und nachbauen.

Damit wurde elektronische Musik von einem Studioexperiment zu einem Fach. Ohne diese Partitur wäre das, was im Studio geschah, eine Sammlung von Tonbändern geblieben, über die man nur hätte staunen können.

Eimert leitete bis 1962, Stockhausen übernahm 1963

Herbert Eimert war der erste Leiter des Studios. Nach seinem Ausscheiden 1962 übernahm Karlheinz Stockhausen 1963 die künstlerische Leitung. Die technische Leitung lag von 1971 bis 2007 bei Volker Müller. In dieser Zeit arbeiteten dort unter anderem Karel Goeyvaerts, Paul Gredinger, Gottfried Michael Koenig, Henri Pousseur, Bengt Hambraeus und Franco Evangelisti.

Zu den bekanntesten Arbeiten gehört Stockhausens "Gesang der Jünglinge", in dem aufgenommene Kinderstimmen mit elektronischen Klängen verschmelzen. Das Stück verstößt gegen die eigene Kölner Doktrin, weil es die Wirklichkeitsaufnahme einbezieht, die man in Paris pflegte. Der Streit war damit sachlich erledigt, gestritten wurde trotzdem weiter.

Siemens baute 1960 in München das erste programmierbare Studio

Der zweite deutsche Ort dieser Geschichte ist ein Konzernkeller. Angestoßen hatte ihn Carl Orff, der 1955 für einen Dokumentarfilm eine, wie er sagte, aus dem Rahmen fallende Musik vorschlug. Ernst von Siemens ließ daraufhin ein Studio einrichten, halb als Kunstförderung, halb in der Erwartung, die Technik später verkaufen zu können. Eröffnet wurde es am 1. April 1960 im Kellergeschoss des Siemens-Neubaus am Oskar-von-Miller-Ring in München.

Technisch war es dem Kölner Studio voraus. Es gilt als das erste vollprogrammierbare Studio: Statt Tonbänder zu schneiden und zu kleben, ließen sich die Geräte über Lochstreifen steuern. Zur Ausstattung gehörten 20 Sinusgeneratoren, Rauschgeneratoren, 14 Bandpassfilter, ein Ringmodulator und ein Vocoder mit 20 Kanälen. Unter der künstlerischen Leitung von Josef Anton Riedl arbeiteten dort unter anderem Pierre Boulez, Mauricio Kagel, John Cage, György Ligeti und Dieter Schnebel. Rund 150 Werke entstanden, darunter Filmmusiken, Hörspiele und Theatermusiken.

Und dann kam das Ende, schneller als der Anfang: 1963 verschenkte Siemens die Anlage an die Hochschule für Gestaltung in Ulm, 1968 wurde sie eingelagert. Seit 1993 steht sie im Deutschen Museum in München, seit 2022 in neuer Aufstellung. Ein Studio, das programmierbar war, bevor es Computer im heutigen Sinn gab, hat drei Jahre lang gearbeitet.

1999 geschlossen, 2001 abgebaut, 2023 an die Stadt Köln

Das Studio wurde 1999 geschlossen und 2001 abgebaut. Die Geräte lagerten anschließend in Kellerräumen. Im Oktober 2023 ging der Bestand über eine Vereinbarung mit dem WDR in das Eigentum der Stadt Köln über.

Damit ist eine Einrichtung, die den Klang der zweiten Jahrhunderthälfte mitbestimmt hat, 22 Jahre lang im Keller gestanden. Das ist die deutsche Fassung des Umgangs mit Musikgeschichte: Man erfindet etwas Weltbewegendes, stellt es ab und findet Jahrzehnte später eine Zuständigkeit dafür.

Von den Sinusgeneratoren zu Kraftwerk sind es 20 Jahre

Die Verbindung zwischen dem Kölner Studio und der Popmusik ist kürzer, als es scheint. 1970 gründete sich in Düsseldorf, 40 Kilometer entfernt, eine Band, die dasselbe Prinzip verfolgte: Klang bauen statt spielen. Wie sich von dort aus eine Kette bis in den amerikanischen Hip-Hop ziehen lässt, steht an anderer Stelle auf dieser Seite, nämlich unter Kraftwerk und der Hip-Hop.

Die Erzählung, elektronische Musik sei in den Achtzigern aus Discos und Computern entstanden, ist damit um dreißig Jahre falsch. Sie entstand in einem Rundfunkhaus, im Auftrag eines Intendanten, aus Sinustönen und Klebeband, und ihr erstes gedrucktes Werk dauert 200 Sekunden.

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