Franz Josef Degenhardt promovierte 1966 über die Auslegung von Urteilen des Europäischen Gerichtshofs, verteidigte ab 1972 Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe und schrieb zwischen 1963 und 2008 rund 26 Studioalben und acht Romane. Bekannt wurde er durch ein einziges Lied von 1965, das seither so oft zitiert wird, dass die meisten seinen Namen nicht mehr dazu wissen.
Vier Jahre Jurastudium, zwei Staatsexamen, eine Promotion
Geboren wird er am 3. Dezember 1931 im westfälischen Schwelm und wächst in einer katholischen Familie auf. Von 1952 bis 1956 studiert er Rechtswissenschaften in Köln und Freiburg, 1956 folgt das erste Staatsexamen, 1960 das zweite.
1966 promoviert er mit einer Arbeit über "Die Auslegung und Berichtigung von Urteilen des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften". Das ist ein trockenes Spezialgebiet des Europarechts, und es lohnt sich, das neben das Lied zu halten, das ihn ein Jahr zuvor bekannt gemacht hatte. Der Mann, der die Schmuddelkinder besang, arbeitete zur selben Zeit an einer Dissertation über Urteilsberichtigungen in Luxemburg.
1965 kommt das Lied, das alles überdeckt
"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" erscheint 1965 auf dem gleichnamigen Album und macht Degenhardt bekannt. Es ist eine Ballade über Klassenschranken, erzählt aus der Sicht eines Kindes, dem der Umgang mit den Kindern der Unterschicht verboten wird und das später selbst zum Ausgrenzenden wird.
Der Titel ist längst in die Umgangssprache übergegangen und wird bis heute in politischen Debatten zitiert, meistens von Menschen, die weder das Lied kennen noch den Namen des Verfassers. Das ist die eigentümlichste Form von Erfolg: Der Satz überlebt, das Stück verschwindet, der Autor wird nicht genannt.
Ab 1968 verteidigt er die andere Seite
Degenhardt war nicht nur Liedermacher, sondern praktizierender Anwalt. Ab 1968 verteidigte er Sozialdemokraten und Kommunisten, die im Zusammenhang mit der außerparlamentarischen Opposition angeklagt waren. 1972 und 1973 vertrat er Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe.
Diese Doppelrolle ist der Kern seiner Biografie. Ein Anwalt, der abends auf der Bühne über die Verhältnisse singt, die er tagsüber vor Gericht verhandelt, war auch in den siebziger Jahren eine Ausnahme. Sie erklärt zugleich die Schärfe der Auseinandersetzungen um ihn: Was bei anderen Liedermachern als Haltung galt, war bei ihm ein Mandatsverhältnis.
1961 in die SPD, 1971 hinausgeworfen, 1978 in die DKP
| Jahr | Vorgang |
|---|---|
| 1961 | Eintritt in die SPD |
| 1971 | Ausschluss aus der SPD, weil er in Schleswig-Holstein für die DKP geworben hatte |
| 1978 | Eintritt in die DKP |
Zwischen dem Ausschluss und dem Eintritt liegen sieben Jahre. Er wurde also nicht ausgeschlossen, weil er Mitglied der anderen Partei war, sondern weil er für sie geworben hatte. Diese Reihenfolge wird oft verkürzt wiedergegeben und ist für die Beurteilung des Vorgangs wesentlich.
26 Alben und acht Romane
Zwischen 1963 und 2008 veröffentlichte Degenhardt rund 26 Studioalben, dazu Livemitschnitte und Zusammenstellungen. Parallel erschienen bis 2013 acht Romane.
Das ist ein Arbeitspensum, das man bei einem Liedermacher nicht vermutet. Über 45 Jahre hinweg im Schnitt alle zwanzig Monate ein Album, und daneben ein zweites literarisches Werk in Prosa. Wer ihn nur mit einem Lied von 1965 verbindet, kennt weniger als vier Prozent seines Bestands.
| Jahr | Auszeichnung |
|---|---|
| 1970 | Deutscher Schallplattenpreis |
| 1980 | Preis der deutschen Schallplattenkritik |
| 1983 | Deutscher Kleinkunstpreis |
| 1986 | SWF-Liederpreis |
| 1988 | SWF-Liederpreis |
| 2001 | Kulturpreis des Kreises Pinneberg |
| 2008 | Preis der deutschen Schallplattenkritik |
Warum das politische Lied in Deutschland eine eigene Geschichte hat
Degenhardt gehört zu einer Generation, für die das gesungene Wort ein politisches Mittel war und nicht Unterhaltung. Der Bezugspunkt dieser Generation war Bertolt Brecht, das Vorbild in der Bundesrepublik Wolfgang Neuss.
Das erklärt auch, warum diese Musik heute so wenig gehört wird. Sie war auf konkrete Verhältnisse gemünzt, auf Gesetze, Prozesse und Parteitagsbeschlüsse. Wer die Bezüge nicht kennt, hört einen Mann mit Gitarre und versteht die Hälfte nicht. Genau darin unterscheidet sie sich von der Popmusik derselben Jahre, die absichtlich allgemein blieb und deshalb länger trägt.
Gestorben am 14. November 2011
Franz Josef Degenhardt stirbt am 14. November 2011 mit 79 Jahren in Quickborn in Schleswig-Holstein.
Was von ihm im allgemeinen Sprachgebrauch übrig ist, ist eine Zeile aus einem Lied von 1965. Was daneben steht, ist ein juristisches Werk, ein Mandat in einem der umstrittensten Verfahren der Bundesrepublik, 26 Alben und acht Romane. Das Verhältnis zwischen dem, was bekannt ist, und dem, was vorliegt, ist bei kaum einem anderen in diesem Bestand so schief.
