Hugo Strasser hat 60 Jahre lang im selben Haus gespielt, dem Deutschen Theater in München. Zwischen 1966 und 1996 erschienen 30 Ausgaben seiner Reihe "Tanzplatte des Jahres", also eine pro Jahr, drei Jahrzehnte ohne Unterbrechung. Sein letztes Konzert gab er am 28. Februar 2016, gut zwei Wochen vor seinem Tod, im Alter von 93 Jahren.
Fünftes von sechs Kindern in Schwabing
Geboren wird er am 7. April 1922 in München-Schwabing, als fünftes von sechs Kindern in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Die Eltern stammen aus der oberbayerischen Provinz, dort wächst er auch auf.
Seinen ersten Auftritt hat er mit sieben Jahren bei der Deutschen Stunde in Bayern, dem Vorläufer des Bayerischen Rundfunks. Mit sechzehn bricht er eine Lehre zum Schriftsetzer ab und geht an die Münchner Akademie. Die Klarinette bleibt zeitlebens sein Instrument, dazu kommt das Saxofon.
Ab 1949 bei Max Greger, ab 1955 mit eigenem Orchester
1949 spielt Strasser als Saxofonist und Klarinettist im Sextett von Max Greger. 1955 gründet er sein eigenes Tanzorchester mit sechzehn Musikern.
Die Besetzungsgröße ist dabei kein Detail, sondern die Geschäftsgrundlage. Sechzehn Musiker sind eine Big Band, und eine Big Band braucht Säle, Tanzveranstaltungen und einen Rundfunk, der sie beschäftigt. Genau diese Struktur gab es in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre, und sie ist der Grund, warum es diesen Beruf heute in dieser Form nicht mehr gibt.
30 Tanzplatten in 30 Jahren
Die Reihe, für die er bekannt wurde, beginnt 1965 mit einem Album ohne Jahreszahl im Titel. Von 1966 bis 1996 folgt Jahr für Jahr eine "Tanzplatte des Jahres", insgesamt 30 Ausgaben. Die letzte trägt den Titel "Dancing 2000" und erschien 1996.
Bis 1977 hatte Strasser dafür ein Exklusivrecht, danach wurden konkurrierende Fassungen zugelassen. Der Zweck dieser Platten war praktisch: Sie lieferten die aktuellen Melodien des Jahres in Standardtanzrhythmen, also Foxtrott, Walzer, Cha-Cha-Cha und Tango, gleich in der richtigen Taktzahl. Wer eine Tanzschule betrieb oder zu Hause üben wollte, brauchte genau das.
| Angabe | Wert |
|---|---|
| erstes Album der Reihe | 1965, noch ohne Jahreszahl im Titel |
| Jahrgänge der Reihe | 1966 bis 1996 |
| Anzahl der Ausgaben | 30 |
| Exklusivrecht | bis 1977 |
| letzte Ausgabe | "Dancing 2000", erschienen 1996 |
Eine Platte pro Jahr über dreißig Jahre ist eine Form von Verlässlichkeit, die man in der Popmusik selten findet. Sie erklärt auch, warum sein Name einer ganzen Generation geläufig ist, ohne dass die meisten einen einzelnen Titel nennen könnten. Es ging nicht um das einzelne Stück, sondern um die jährliche Lieferung.
Sechzig Jahre im selben Haus
Von der Saison 1955/56 an spielte Strasser im Deutschen Theater in München, und zwar bis 2016. Das sind sechzig Jahre an einem Ort, was selbst für ein festes Hausorchester ungewöhnlich lang ist.
Ab 2000 ging er zusätzlich mit Max Greger und Paul Kuhn als Swing-Legenden auf Tournee, mit einem Programm unter dem Titel "A Tribute To Glenn Miller". Die drei standen für dieselbe Musikergeneration: Musiker, die nach 1945 in den Clubs der Besatzungssoldaten gelernt hatten und den amerikanischen Swing in die westdeutsche Unterhaltung brachten. Das Vorbild dieser Generation war Glenn Miller, dessen Bandklang bis in die Arrangements der deutschen Tanzorchester hineinreichte. 2009 gab Strasser mit Max Greger und Bill Ramsey ein Konzert in der Stuttgarter Liederhalle, als Gaststars traten die Kessler-Zwillinge auf.
Bekannt wurde er über das Samstagabendprogramm
Der Grund, warum ein Tanzorchesterleiter einem Millionenpublikum geläufig war, liegt im Fernsehen. Strasser spielte unter anderem in "Musik ist Trumpf" mit Peter Frankenfeld sowie in "Wir machen Musik", "Sing mit mir, tanz mit mir" und "Mit Musik geht alles besser" mit Lou van Bourg.
Das war die Zeit, in der eine Samstagabendshow im Ersten oder Zweiten ein Publikum erreichte, das heute keine Sendung mehr zusammenbekommt, und in der zu einer solchen Show selbstverständlich ein Live-Orchester gehörte. Wer dort regelmäßig spielte, war bekannt, ohne je einen Hit gehabt zu haben. Bei Strasser ist genau das der Fall: Seine Bekanntheit beruht auf Anwesenheit, nicht auf einem einzelnen Erfolg.
Auszeichnungen aus Bayern
| Jahr | Auszeichnung |
|---|---|
| 1994 | Bayerischer Poetentaler |
| 2002 | Schwabinger Kunstpreis |
| 2012 | Bayerischer Verdienstorden |
Auffällig ist, dass alle drei Ehrungen aus Bayern kommen. Strasser war ein bundesweit bekannter Bandleader, geehrt wurde er als Münchner. Das passt zu einer Laufbahn, die sich über sechs Jahrzehnte in einer Stadt und in einem Haus abgespielt hat.
Letztes Konzert am 28. Februar 2016
Sein letzter Auftritt fand am 28. Februar 2016 in Unterhaching statt. Am 17. März 2016 starb Hugo Strasser mit 93 Jahren in München-Trudering an einem Blasenkrebsleiden.
Zwischen dem ersten Auftritt bei der Deutschen Stunde in Bayern als Siebenjähriger und diesem letzten Konzert liegen 86 Jahre. Es dürfte kaum einen deutschen Musiker geben, dessen Bühnenlaufbahn länger war, und praktisch keinen, der sie so vollständig in einer einzigen Stadt verbracht hat.
Warum diese Musik verschwunden ist
Die Tanzkapelle war bis in die siebziger Jahre eine Selbstverständlichkeit: bei Bällen, in Kurhäusern, im Fernsehen, bei Betriebsfeiern. Verschwunden ist sie nicht wegen eines Geschmackswandels allein, sondern aus Kostengründen. Sechzehn Musiker kosten das Vielfache eines Diskjockeys, und ab dem Moment, in dem eine Anlage denselben Saal beschallen konnte, war die Rechnung entschieden.
Was blieb, ist der Bestand: 30 Tanzplatten, aufgenommen zwischen 1965 und 1996, die für jedes Jahr festhalten, was in Deutschland gespielt und getanzt wurde. Als Zeitreihe betrachtet sind sie eine ziemlich genaue Aufzeichnung des Publikumsgeschmacks über drei Jahrzehnte, und zwar eine, die niemand als solche geplant hat.