Startseite/Medien/Jazz in Deutschland

Jazz in Deutschland

7 Min. LesezeitMedien
Jazzmusik im 2Jahrhundert: Tradition trifft Moderne
Foto: schuetz-mediendesignPixabay Content LicensePixabayauf 1200 px Breite verkleinert und in das WebP-Format umgewandelt

Zusammenfassung

Die Geschichte des Jazz in Deutschland lässt sich an Daten festmachen: 1937 beginnen die ersten örtlichen Swingtanzverbote, am 18. August 1941 verhaftet die Gestapo in einer einzigen Aktion über 300 Jugendliche, am 26. Januar 1942 ordnet Himmler schriftlich Prügel und Konzentrationslager an. Und am 24. Januar 1975 spielt ein übermüdeter Amerikaner um 23 Uhr in der Kölner Oper auf dem falschen Flügel eine Platte ein, die sich rund vier Millionen Mal verkauft.

Die Geschichte des Jazz in Deutschland lässt sich an Daten festmachen: 1937 beginnen die ersten örtlichen Swingtanzverbote, am 18. August 1941 verhaftet die Gestapo in einer einzigen Aktion über 300 Jugendliche, am 26. Januar 1942 ordnet Himmler schriftlich Prügel und Konzentrationslager an. Und am 24. Januar 1975 spielt ein übermüdeter Amerikaner um 23 Uhr in der Kölner Oper auf dem falschen Flügel eine Platte ein, die sich rund vier Millionen Mal verkauft.

Ab 1937 verbieten Städte den Swingtanz

Der Jazz kam in den zwanziger Jahren nach Deutschland und war in den Städten schnell etabliert. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er zur Zielscheibe: als amerikanisch, als jüdisch, als schwarz. Ab 1937 verhängten Städte und Regionen Verbote des Swingtanzes, ab 1938 standen entsprechende Schilder rund um den Berliner Tanzpalast Moka Efti.

Wichtig ist dabei die Abgrenzung: Ein reichsweites Gesetz, das Swing verbot, gab es nicht. Es waren örtliche Anordnungen, Erlasse und Polizeipraxis. Der Unterschied klingt akademisch, ist aber der Grund, warum die Verfolgung so unberechenbar war. Wer tanzte, konnte in einer Stadt davonkommen und in der nächsten verhaftet werden.

Die Hamburger Swing-Jugend zählte rund 1.500 Anhänger

Die Bewegung entstand in Hamburg, und zwar im Bildungs- und Großbürgertum, nicht in der Arbeiterschaft. Rund 1.500 Anhänger zählte die Stadt. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 breitete sie sich dorthin aus, ab 1939 in das Protektorat Böhmen und Mähren.

Was die Swing-Jugend politisch machte, war nicht ihr Programm, sondern ihr Auftreten: englische Kleidung, lange Haare, englische Grußformeln, Platten aus Übersee, gemischte Tanzabende. Ein Widerstand ohne Flugblätter, der genau deshalb als gefährlich galt. Die Hitlerjugend verlangte Uniform und Gleichschritt, die Swing-Jugend antwortete mit einem Tanz, den man nicht im Gleichschritt tanzen kann.

Himmler ordnete am 26. Januar 1942 Prügel und Konzentrationslager an

Am 18. August 1941 trat die "Sofort-Aktion gegen die Swing-Jugend" in Kraft. Über 300 Jugendliche wurden verhaftet. Am 26. Januar 1942 schrieb Heinrich Himmler an Reinhard Heydrich den Satz: "Alle Rädelsführer sind in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dort muss die Jugend zunächst einmal Prügel bekommen."

Aus Hamburg wurden 40 bis 70 Swing-Jugendliche in Konzentrationslager deportiert. Günter Discher, einer der bekanntesten unter ihnen, kam im Januar 1943 in das Jugendkonzentrationslager Moringen. Es ging also nicht um Erziehungsmaßnahmen, sondern um Lagerhaft für Jugendliche, deren Vergehen darin bestand, die falsche Musik zu hören.

DatumVorgangZahl
ab 1937örtliche und regionale Swingtanzverbote-
ab 1938Verbotsschilder am Berliner Tanzpalast Moka Efti-
18.08.1941Sofort-Aktion gegen die Swing-Jugendüber 300 Verhaftungen
26.01.1942Himmlers Anordnung an Heydrich-
Januar 1943Günter Discher in das Jugend-KZ Moringen-
gesamtDeportationen aus Hamburg40 bis 70 Personen
gesamtAnhänger in Hamburgrund 1.500

Die Schilder "Swing tanzen verboten" hat es so nie gegeben

Das bekannteste Bild dieser Geschichte ist ein Schild mit der Aufschrift "Swing tanzen verboten", angeblich in jeder deutschen Gaststätte. Es ist eine moderne Legende. Belegt sind Schilder an einzelnen Orten, etwa rund um das Moka Efti, nicht aber eine flächendeckende Beschilderungspflicht.

Der Fall lohnt sich, weil er zeigt, wie eine Geschichte kippt. Die Legende macht die Verfolgung anschaulicher und gleichzeitig harmloser: Ein Schild ist bürokratische Schikane. Die belegte Wirklichkeit ist eine Verhaftungsaktion mit über 300 Festnahmen und Lagerhaft für Minderjährige. Wer das Schild erzählt, erzählt die kleinere Geschichte.

Nach 1945 kam der Jazz mit dem Soldatensender zurück

Die Musik, die zwölf Jahre lang als undeutsch galt, war ab 1945 die Musik der Besatzer. Der amerikanische Soldatensender AFN sendete in Deutschland, die Amerikahäuser stellten Platten und Räume, und Jazz wurde für eine Generation zur Chiffre für alles, was nicht deutsch und nicht militärisch war. Aus derselben Bewegung, die im Lager geendet hatte, wurde binnen weniger Jahre die Musik der Sieger.

Für die DDR wiederholte sich der Konflikt in kleinerer Form. Jazz galt als amerikanisch und damit als verdächtig, wurde aber nie vollständig unterdrückt und später über die staatliche Plattenfirma Amiga sogar verlegt. Wer eine Platte von Miles Davis besaß, hatte sie meistens aus dem Westen.

1969 gründet Manfred Eicher in München ECM

Das wichtigste deutsche Jazzlabel entsteht 1969 in München: Edition of Contemporary Music, kurz ECM, gegründet von Manfred Eicher. Eicher produziert selbst, und er entwickelt einen Klang, der zum Erkennungszeichen wird: viel Raum, langer Nachhall, wenig Bearbeitung, Aufnahmen meist in wenigen Tagen.

Für die deutsche Musikgeschichte ist das ein seltener Fall. Ein deutsches Label gibt einer amerikanischen Musikform eine Klangästhetik, die weltweit kopiert wird, statt umgekehrt.

Der 24. Januar 1975 in der Kölner Oper

Die Konzertveranstalterin Vera Brandes, geboren am 22. Mai 1956 und damit an diesem Abend 18 Jahre alt, holt Keith Jarrett nach Köln. Der Termin liegt ungünstig: Das Konzert beginnt erst um 23 Uhr, nach der regulären Opernvorstellung. Etwa 1.400 Menschen kommen.

Jarrett ist in schlechter Verfassung. Er hat in der Nacht zuvor kaum geschlafen und ist mit dem Produzenten Manfred Eicher in einem Renault 4 aus der Schweiz angereist. Sein Abendessen bekommt er 15 Minuten vor dem Auftritt. Was dann entsteht, sind vier Teile mit zusammen gut 66 Minuten, vollständig improvisiert.

Was mit dem Flügel wirklich war, ist bis heute strittig

Die verbreitete Fassung lautet: Bestellt war ein Bösendorfer 290 Imperial, geliefert wurde ein kleiner Stutzflügel, dünn in den Höhen, schwach im Bass, mit klemmenden Pedalen. Jarrett habe deshalb in der Mittellage gespielt und den fehlenden Bass durch wiederholte Figuren in der linken Hand ersetzt. Genau diese Notlösung mache den Klang der Platte aus.

Neuere Darstellungen widersprechen. Danach stand ein Bösendorfer 225 aus dem Jahr 1969 auf der Bühne, ein Halbkonzertflügel in gutem Zustand, und der bestellte 290 Imperial war lediglich nicht verfügbar. Die beiden Fassungen stehen nebeneinander in der englischen und der deutschen Wikipedia. Wer über dieses Konzert schreibt, sollte den Widerspruch benennen statt sich die schönere Version auszusuchen. Die schönere ist hier die vom kaputten Klavier, weil sie eine Notlage in Kunst verwandelt.

Rund vier Millionen verkaufte Exemplare

Das Album erscheint am 30. November 1975 bei ECM unter der Nummer 1064/65 ST. Bis 2008 waren rund 3,5 Millionen Exemplare verkauft, neuere Angaben nennen etwa vier Millionen. Es ist damit die meistverkaufte Klaviersolo-Aufnahme und die meistverkaufte Jazz-Soloplatte überhaupt.

Zur Einordnung, mit Vorsicht: Das ist mehr, als jedes Album von Depeche Mode außer Violator an belegten Verkäufen vorweisen kann. Der Vergleich hinkt, weil die eine Zahl aus Zertifizierungen stammt und die andere eine Verlagsangabe ist. Die Größenordnung stimmt trotzdem: Ein einzelner Mann an einem Flügel, nachts um elf, hat sich öfter verkauft als die meisten Popalben derselben Jahrzehnte.

Die Veranstalterin hatte mit 15 angefangen und hörte 1995 auf

Vera Brandes ist die zweite Geschichte dieses Abends, und sie wird selten erzählt. Sie organisierte ihr erstes Jazzkonzert als 15-jährige Schülerin, mit dem Trio von Ronnie Scott. 1974, ein Jahr vor Jarrett, hatte sie in Köln die Reihe "New Jazz in Cologne" auf die Beine gestellt.

Danach ging sie ins Plattengeschäft: 1977 gründete sie zusammen mit Kurt Renker das Label CMP Records, 1980 das Label VeraBra, 1984 Intuition. Über ihre Labels hat sie mehr als 350 Alben produziert und veröffentlicht. Nach einem Autounfall 1995 wechselte sie das Fach und wandte sich der medizinischen Wirkung von Musik zu. Von 2004 bis 2017 leitete sie an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg ein Forschungsprogramm für Musikmedizin, sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der International Association for Music and Medicine und war dort ab 2009 Vizepräsidentin.

Damit schließt sich ein Kreis, den man beim Stichwort Jazz nicht erwartet: Dieselbe Person, die 1975 den Flügel in die Kölner Oper bestellt hat, erforscht seit den neunziger Jahren, was Musik im Körper anrichtet.

Warum ausgerechnet diese Platte Kult wurde

Alle Zutaten sind da. Das Missverhältnis: Es gab keine Werbung, kein Video, keine Single, nur zwei Schallplattenseiten Improvisation. Das Erkennungszeichen: Wer die ersten Takte kennt, kennt sie sofort, und niemand kann sie richtig nachspielen, weil es keine Noten gab. Jarrett hat die Veröffentlichung einer Transkription lange abgelehnt.

Und die Verknappung liegt in der Sache selbst. Das Konzert existiert genau einmal. Es wurde nie wiederholt, es konnte nicht wiederholt werden, und der Mitschnitt ist nur deshalb entstanden, weil Eicher das Tonband mitlaufen ließ. Von den drei Elementen dieser Geschichte, dem verbotenen Swing, dem Label aus München und der Nacht in der Kölner Oper, ist es dieses letzte, das man heute noch hören kann.

Schlagwörter

Musik

Dazu passt