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Popkultur: die zwei Definitionen von 1944 und 1957

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Popkultur: Einfluss und Entwicklung
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Zusammenfassung

Popkultur hat drei Definitionen aus 22 Jahren, und sie widersprechen einander. 1935 beschreibt Walter Benjamin im Pariser Exil, was die Massenvervielfältigung mit einem Kunstwerk macht, und sieht darin Chance und Gefahr zugleich. 1944 fällen Horkheimer und Adorno in New York das Urteil: Aufklärung als Massenbetrug. Und am 16. Januar 1957 zählt Richard Hamilton in einem Brief elf Eigenschaften auf, von denen keine abwertend gemeint ist.

Popkultur hat drei Definitionen aus 22 Jahren, und sie widersprechen einander. 1935 beschreibt Walter Benjamin im Pariser Exil, was die Massenvervielfältigung mit einem Kunstwerk macht, und sieht darin Chance und Gefahr zugleich. 1944 fällen Horkheimer und Adorno in New York das Urteil: Aufklärung als Massenbetrug. Und am 16. Januar 1957 zählt Richard Hamilton in einem Brief elf Eigenschaften auf, von denen keine abwertend gemeint ist. Alle drei beschreiben dieselbe Sache.

1944 fällten zwei deutsche Emigranten in New York das Urteil

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno arbeiteten zwischen 1939 und 1944 im amerikanischen Exil an einem Text, der zunächst unter dem Titel "Philosophische Fragmente" erschien, 1944 in New York, vervielfältigt im Mimeographieverfahren. Als Buch kam er 1947 im Amsterdamer Querido Verlag heraus, unter dem Titel "Dialektik der Aufklärung". Die offizielle deutsche Neuausgabe folgte erst 1969 bei S. Fischer, ein Vierteljahrhundert nach der Niederschrift.

Das entscheidende Kapitel trägt die Überschrift "Kulturindustrie: Aufklärung als Massenbetrug". Die These: Industriell hergestellte Kultur nimmt dem Menschen die Einbildungskraft ab und ersetzt das eigene Denken. Die Massenproduktion gleicht alles einander an, und die Reize werden so verstärkt, dass eine Verarbeitung nicht mehr stattfindet. Das Hauptbeispiel der Autoren ist der Film: Alle Filme ähneln sich, folgen demselben Schema und sind auf möglichst wirklichkeitsgetreue Wiedergabe hin gebaut.

Der Begriff Kulturindustrie ist selbst schon das Argument

Die Wortwahl ist kein Zufall und wird meist so gelesen: Von Massenkultur zu sprechen hätte nahegelegt, diese Kultur entstehe aus den Massen heraus. Genau das bestritten die Autoren. Nach ihrer Darstellung wird sie für die Massen hergestellt, von einer Industrie, nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben.

Man muss dem Urteil nicht folgen, um die Schärfe der Beobachtung anzuerkennen. Geschrieben wurde der Text vor dem Fernsehen, vor dem Transistorradio, vor der Schallplatte als Massenware und lange vor Streamingdiensten, die aus Hörverhalten Empfehlungen errechnen.

Neun Jahre vorher hatte ein Dritter die Gegenposition formuliert

Das Urteil von 1944 war innerhalb desselben Kreises nicht unumstritten. Walter Benjamin, der von 1892 bis 1940 lebte, hatte 1935 im Pariser Exil den Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" abgeschlossen. Erschienen ist er 1936, auf Französisch, in der Zeitschrift für Sozialforschung desselben Frankfurter Instituts, für das später auch Horkheimer und Adorno schrieben. Eine deutsche Druckfassung gab es erst 1955.

Benjamins Begriff dafür ist die Aura, die er als einmalige Erscheinung einer Ferne beschreibt, so nah sie auch sein mag. Sein Befund: Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit verkümmert, ist eben diese Aura. Ein Bild, das millionenfach gedruckt wird, verliert seine Einmaligkeit und seinen Ort.

Anders als bei Horkheimer und Adorno ist das aber kein reiner Verlust. Benjamin sieht ausdrücklich auch eine Chance, nämlich die Öffnung der Kunst für ein Massenpublikum, und zugleich eine Gefahr, die er die Ästhetisierung der Politik nennt und in der er das faschistische Verfahren erkennt. Damit liegen zwischen 1935 und 1944 drei Haltungen zu einer einzigen Beobachtung vor, und alle drei stammen aus demselben Institut.

1957 definierte Richard Hamilton dasselbe in elf Wörtern

Der Gegenentwurf kommt aus London und ist eine Privatnachricht. Am 16. Januar 1957 schrieb der Künstler Richard Hamilton an die Architekten Alison und Peter Smithson eine Aufzählung dessen, was Pop Art sei. Sie ist zur bekanntesten Definition des Feldes geworden.

Hamiltons Aufzählung von 1957auf Deutsch
popularvolkstümlich, für ein Massenpublikum gemacht
transientvergänglich, kurzlebig
expendableentbehrlich, zum Wegwerfen
low-costbillig
mass-producedin Massen hergestellt
youngjung
wittywitzig
sexysexy
gimmickyauf Effekt gebaut
glamorousglanzvoll
Big Businessgroßes Geschäft

Vergleicht man diese Liste mit dem Kapitel von 1944, fällt auf: Die Beschreibung stimmt fast wörtlich überein. Massenherstellung, Kurzlebigkeit, Billigkeit, kommerzielle Interessen, alles steht in beiden Texten. Was sich unterscheidet, ist ausschließlich das Urteil. Bei Horkheimer und Adorno ist jeder dieser Punkte ein Vorwurf, bei Hamilton eine Eigenschaftsangabe wie bei einem Werkstoff.

Die Collage von 1956 war ein Katalogbeitrag

Ein Jahr vor dem Brief entstand Hamiltons bekannteste Arbeit: die Collage "Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?" von 1956. Zu sehen sind ein Bodybuilder mit einem übergroßen Lutscher, eine Frau mit einem Lampenschirm als Kopfbedeckung und ringsherum Konsumgüter.

Sie entstand für den Katalog der Ausstellung "This is Tomorrow", die 1956 in der Whitechapel Gallery in London stattfand, kuratiert von Lawrence Alloway, dem auch der Begriff Pop Art zugeschrieben wird. Im Katalog erschien die Collage in Schwarzweiß, außerdem auf den Werbeplakaten. Das berühmteste Bild der Pop Art war also von Anfang an Reklame für eine Veranstaltung, und es hätte kaum besser zur Sache passen können.

Der Streit fällt in dieselben Jahre wie der Rock and Roll

Die Gleichzeitigkeit lohnt einen Blick. 1956, im Jahr der Collage und der Ausstellung, stand Elvis Presley zum ersten Mal an der Spitze der amerikanischen Charts. In London diskutierte eine Künstlergruppe darüber, ob Werbebilder Kunst sein können, während in Memphis eine Musik entstand, auf die genau Hamiltons elf Wörter passen: jung, billig, in Massen hergestellt, auf Effekt gebaut und großes Geschäft.

Wer diese Musik verteidigen wollte, hatte ab 1957 eine Sprache dafür. Wer sie ablehnte, hatte seit 1944 eine, die noch schärfer war. Beide Argumente werden bis heute benutzt, meistens ohne dass die Sprechenden ihre Herkunft kennen.

Hamilton gestaltete 1968 die Hülle des Weißen Albums

Der Kreis schließt sich elf Jahre später. Aus der Freundschaft mit Paul McCartney entstand 1968 Hamiltons Gestaltung für das gleichnamige Album der Beatles, das als Weißes Album bekannt wurde, samt der beiliegenden Collage als Poster.

Damit hat der Mann, der Pop Art als billig, vergänglich und massenhaft definiert hatte, die Hülle einer der teuersten und am längsten haltbaren Platten der Popgeschichte entworfen, und zwar als weiße Fläche. Wie sich die Plattenhülle von einer leeren Papiertasche zum eigentlichen Treffpunkt von Musik und Bild entwickelte, steht auf dieser Seite unter Plattencover.

Warum die Frage bis heute nicht entschieden ist

Der Streit von 1944 und 1957 wird immer noch geführt, nur mit anderen Gegenständen. Ob eine Serie, die ein Streamingdienst nach Auswertung von Sehdaten in Auftrag gibt, Kultur ist oder Kulturindustrie, ist wörtlich dieselbe Frage wie die nach dem Hollywoodfilm der vierziger Jahre. Neu ist nur, dass die Auswertung inzwischen automatisch geschieht und nicht mehr geschätzt werden muss.

Zwei Dinge lassen sich trotzdem festhalten. Erstens beschreiben alle drei Positionen dasselbe und bewerten es nur unterschiedlich, und das sollte jeden misstrauisch machen, der eine davon für einen Befund hält. Zweitens hat sich in der Sprache die Londoner Fassung durchgesetzt: Wir sagen heute Popkultur und nicht Kulturindustrie. Das ist selbst ein Ergebnis dieses Streits.

Eine Zeitleiste für den Hausgebrauch

JahrVorgangUrteil über die Massenkultur
1935Benjamin schließt den Aufsatz über die technische Reproduzierbarkeit abzwiespältig: Öffnung und Gefahr
1936Erstveröffentlichung auf Französisch in der Zeitschrift für Sozialforschung
1939 bis 1944Horkheimer und Adorno schreiben die Dialektik der Aufklärungablehnend
1944Vervielfältigung in New York als "Philosophische Fragmente"
1947Buchausgabe bei Querido in Amsterdam
1956Hamiltons Collage, Ausstellung "This is Tomorrow"bejahend
1957Hamiltons Brief mit den elf Eigenschaftenbejahend
1968Hamilton gestaltet das Weiße Album der Beatles
1969Deutsche Neuausgabe der Dialektik der Aufklärung bei S. Fischer

Auffällig an dieser Reihe ist der Abstand zwischen Niederschrift und Wirkung. Benjamins Aufsatz von 1935 erschien auf Deutsch gedruckt erst 1955, die Dialektik der Aufklärung von 1944 wurde in Deutschland erst 1969 breit gelesen, also in dem Jahr, in dem die Studentenbewegung ihre Argumente suchte. Beide Texte haben ihre Wirkung mit 20 bis 25 Jahren Verspätung entfaltet, und beide trafen dann auf eine Popkultur, die inzwischen ganz anders aussah als die, über die sie geschrieben worden waren.

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