Im Herbst 1959 arbeiteten in Ost- und West-Berlin zwei Fernsehredaktionen am selben Einfall: eine kurze Sendung, die Kinder ins Bett schickt. Beide kamen ans Ziel. Der Osten war neun Tage schneller.
Am 22. November 1959 lief beim Deutschen Fernsehfunk der DDR zum ersten Mal Unser Sandmännchen. Am 1. Dezember 1959 folgte im Westen Sandmännchens Gruß für Kinder beim Sender Freies Berlin. Dreißig Jahre lang liefen danach zwei Sandmännchen parallel, in derselben Stadt, mit demselben Zweck.
Zwei Wochen für eine Figur
Der Vorsprung war kein Zufall, sondern ein Kraftakt. Der Bühnen- und Kostümbildner Gerhard Behrendt bekam den Auftrag, die Figur zu bauen. Zeit: zwei Wochen. Verfahren: Stop-Motion, Bild für Bild.
Im Westen ging es ruhiger zu und aus einer älteren Wurzel. Ilse Obrig hatte ab 1946 im Berliner Rundfunk die Radiosendung Abendlied gemacht. Anfang 1958 entwickelte sie gemeinsam mit der Puppengestalterin und Autorin Johanna Schüppel eine einfache Handpuppe für eine Fernsehfassung.
Das Ende des einen
Im März 1989 wurde das westdeutsche Sandmännchen eingestellt. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer, und die Frage, welche der beiden Sendungen die deutsche Einheit übersteht, war damit praktisch beantwortet.
Die Pointe kommt danach. Nach 1990 übernahm das östliche Programm Figuren aus dem eingestellten westdeutschen Sandmännchen, darunter Piggeldy und Frederick. Die Sendung, die verloren hatte, lieferte dem Sieger Personal.
Warum ausgerechnet diese Sendung blieb
Unser Sandmännchen wird bis heute produziert, inzwischen im Auftrag der ARD durch den Rundfunk Berlin-Brandenburg, gesendet im Vorabendprogramm von RBB, MDR und KiKA. Die deutschsprachige Wikipedia führt sie als die Fernsehserie mit den meisten Folgen überhaupt.
Gegen die Bedingungen von Kult gehalten, trifft die Sendung gleich mehrere. Sie ist ein Ritual und kein Programm: immer zur selben Zeit, immer derselbe Ablauf, und das Zubettgehen hing daran. Sie ist ein Erkennungszeichen, weil zwei Generationen in Ost und West unterschiedliche Fassungen im Kopf haben und sich daran erkennen. Und sie trägt eine körperliche Erinnerung, nämlich die Melodie, die man nach dem ersten Takt wiedererkennt.
Was fehlt, ist die Verknappung. Es gibt sie noch, sie läuft, es gibt eine App. Genau deshalb ist das Sandmännchen kein Andenken, sondern ein lebendes Ritual, und das ist der seltenere Fall.
Ein Nachtrag, der zeigt, wie weit die Sache getragen hat: 2006 kaufte der Kinderkanal des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera 78 Folgen beim RBB.
Quellen
Daten und Ablauf stammen aus den Artikeln Unser Sandmännchen und Sandmännchen der deutschsprachigen Wikipedia. Die Einordnung nach den fünf Bedingungen folgt dem Leitartikel Warum wird etwas Kult.
