Weltmusik ist kein Klang und keine Herkunft, sondern ein Regalfach. Erfunden wurde der Begriff als Verkaufskategorie am 29. Juni 1987 bei einem Treffen von Plattenfirmen in London. Der Zweck stand ausdrücklich fest: Platten, die in keine bestehende Schublade passten, sollten eine gemeinsame bekommen, damit Läden wissen, wohin damit.
Der Begriff kommt aus der Wissenschaft und wurde 25 Jahre später umgewidmet
Zuerst gab es ihn im Hörsaal. Der Musikethnologe Robert E. Brown prägte "world music" Anfang der sechziger Jahre an der Wesleyan University in Connecticut. Er baute dort Studiengänge von der ersten Stufe bis zur Promotion auf und holte Musiker aus Afrika und Asien für Konzertreihen an die Hochschule.
Diese Bedeutung ist beschreibend: die Musik der Welt, als Gegenstand eines Fachs. Was ab 1987 daraus wurde, ist etwas anderes, nämlich eine Verkaufsabteilung.
Am 29. Juni 1987 wurde in London die Schublade beschlossen
An diesem Tag trafen sich in London Vertreter der Musikbranche, um nichtwestliche Musik gemeinsam zu vermarkten. Der Anlass war ein Erfolg, den niemand vorhergesehen hatte: Paul Simons Album "Graceland" von 1986 hatte ein großes westliches Publikum für südafrikanische Musik interessiert. Die kleinen Labels, die solche Platten seit Jahren veröffentlichten, sahen darin eine Gelegenheit.
Beschlossen wurde ein ganzes Maßnahmenbündel, und es liest sich wie ein Marketingplan, weil es einer war:
| Maßnahme | Zweck |
|---|---|
| gemeinsame Kassette als Beilage im Magazin NME, 90 Minuten lang | Hörprobe mit angehängtem Katalog weiterer Veröffentlichungen |
| ein eigener Pressesprecher für den Begriff | "Weltmusik" als einheitliche Marke durchsetzen |
| Flugblattaktion bei Diskjockeys außerhalb Londons | Verbreitung über die Hauptstadt hinaus |
| eigene Verkaufscharts aus rund fünfzig Läden | Sichtbarkeit und Verhandlungsmacht |
| Veröffentlichung der Charts in NME, Music Week und City Limits | Anerkennung als eigenes Genre |
Der wichtigste Punkt ist der vierte. Eine eigene Chartliste aus fünfzig Läden macht aus verstreuten Einzelverkäufen eine messbare Größe. Es ist genau dasselbe Verfahren, mit dem sieben Jahre zuvor die britischen Indie-Charts eine Szene sichtbar gemacht hatten, nachzulesen auf dieser Seite unter Indie-Musik.
Der Auslöser verkaufte sich 14 Millionen Mal
"Graceland" erschien am 12. August 1986. Die Zahlen erklären, warum die Branche aufmerksam wurde: Platz 1 in Großbritannien mit 163 Wochen in den Charts, Platz 2 in Deutschland mit 59 Wochen, Platz 3 in den USA mit 105 Wochen. Weltweit über 14 Millionen verkaufte Exemplare, davon gut 10 Millionen durch Zertifizierungen belegt. 1987 gewann das Album den Grammy als Platte des Jahres, 1988 gewann das Titelstück den Grammy für die Aufnahme des Jahres.
Beteiligt waren südafrikanische Musiker, unter ihnen der Chor Ladysmith Black Mambazo und der Gitarrist Ray Phiri von der Gruppe Stimela. Für diese Musiker war die Platte der Eintritt in den nordamerikanischen und europäischen Markt.
Der Erfolg war zugleich ein Bruch des Kulturboykotts
Simon nahm in Südafrika auf, und zwar zu einer Zeit, in der ein Boykott kultureller Kontakte mit dem Apartheidstaat bestand. Der Vorwurf lautete entsprechend, er habe ein Regime normalisiert, das die Welt isolieren wollte. Simon selbst beschrieb seine damalige Lage in der Dokumentation "Under African Skies" als Leben in einer Seifenblase.
Die Gegenrechnung: Er arbeitete überwiegend mit schwarzen Musikern aus Südafrika und Lesotho und verschaffte ihnen ein Publikum, das sie sonst nicht erreicht hätten. Beide Argumente stehen bis heute nebeneinander, und der Fall ist deshalb interessant, weil er die unangenehme Frage stellt, ob ein Boykott auch diejenigen treffen darf, in deren Namen er geführt wird.
Sieben Jahre später entstand die Messe dazu, und zwar in Berlin
Eine Verkaufskategorie braucht einen Ort, an dem die Geschäfte gemacht werden. 1994 gründeten Christoph Borkowsky und Ben Mandelson die WOMEX, kurz für World Music Expo, mit Sitz in Berlin. Sie verbindet Fachmesse, Konzertvorstellungen, Konferenz, Filmvorführungen und einen Preis in einer Veranstaltung.
Der praktische Zweck ist derselbe wie 1987, nur eine Stufe weiter: Musiker und ihre Labels knüpfen dort die Kontakte für Tourneen und Vertrieb im Ausland. Stattgefunden hat die WOMEX seit 1994 in mehr als zwanzig europäischen Städten, unter anderem in Berlin, Brüssel, Marseille, Stockholm, Sevilla, Kopenhagen, Budapest und zuletzt 2024 in Manchester, jeweils am letzten Oktoberwochenende.
Damit hat der deutsche Beitrag zu dieser Geschichte einen Namen. Die Bezeichnung wurde in London beschlossen, der Handelsplatz dazu entstand in Berlin.
Was die Kategorie mit der Musik macht
Ein Regalfach ordnet nicht nur, es urteilt. Unter Weltmusik steht seither alles, was nicht aus dem angloamerikanischen Raum kommt und sich nicht als Klassik, Jazz oder Pop verkaufen lässt. Ein Kora-Spieler aus Mali, eine Fado-Sängerin aus Lissabon und eine mongolische Obertongruppe landen im selben Fach, obwohl sie musikalisch nichts miteinander zu tun haben.
Das gemeinsame Merkmal ist ein negatives: nicht von hier. Die Kategorie beschreibt also nicht die Musik, sondern den Standort des Verkäufers. Genau diesen Einwand haben Musiker aus den betroffenen Ländern seit den neunziger Jahren wiederholt vorgebracht, und er ist schwer zu entkräften, weil die Entstehungsgeschichte ihn bestätigt: Der Begriff wurde in London beschlossen, nicht in Bamako.
Warum die Schublade trotzdem geholfen hat
Die andere Seite der Rechnung darf nicht fehlen. Vor 1987 hatten diese Platten kein Fach, keine Charts, keine Fachpresse und keinen Weg in die Läden außerhalb weniger Spezialgeschäfte. Ein Musiker aus Senegal konkurrierte im Regal mit niemandem, weil er in keinem Regal stand.
Nach 1987 gab es eine Adresse. Das ist derselbe Vorgang wie bei den Indie-Charts und bei der Bezeichnung Neue Deutsche Welle: Erst die Kategorie macht sichtbar, und Sichtbarkeit ist die Voraussetzung dafür, überhaupt gekauft zu werden. Wer den Begriff heute kritisiert, kritisiert damit auch das Werkzeug, das die Musik erst in die Läden gebracht hat.
Drei Genres, die alle nicht von Musikern benannt wurden
Der Fall steht nicht allein. Auf dieser Seite sind inzwischen drei Musikkategorien nachgezeichnet, und bei allen dreien stammt der Name aus dem Betrieb und nicht aus der Musik.
| Bezeichnung | Datum | Wer | Maßstab |
|---|---|---|---|
| Indie | 19. Januar 1980 | Fachzeitschrift Record Business, angeregt von einem Labelchef | Vertriebsweg, ausdrücklich nicht der Klang |
| Neue Deutsche Welle | 1979 | Alfred Hilsberg, Labelbetreiber, in einem Artikel für die Zeitschrift Sounds | eine Überschrift |
| Weltmusik | 29. Juni 1987 | Runde von Plattenfirmen in London | Regalfach im Laden, eigene Charts aus rund fünfzig Geschäften |
Zweimal steht am Anfang eine Zahlenreihe, einmal eine Überschrift. In keinem Fall hat eine Band beschlossen, wie ihre Musik heißen soll. Das ist der eigentliche Befund, und er lässt sich mit Daten belegen statt mit Vermutungen über Authentizität.
Die Reihenfolge, auf die es ankommt
Drei Daten fassen die Sache zusammen: Anfang der sechziger Jahre entsteht der Begriff als Fachausdruck an einer amerikanischen Universität. 1986 erscheint eine Platte, die zeigt, dass sich damit Geld verdienen lässt. 1987 beschließt eine Runde von Plattenfirmen in London, daraus eine Verkaufskategorie zu machen.
In keinem dieser drei Schritte hat ein Musiker aus den betroffenen Ländern die Bezeichnung für seine eigene Musik gewählt. Das ist keine Verschwörung, sondern die übliche Reihenfolge im Musikgeschäft: Erst wird verkauft, dann wird benannt, und die Benennung stammt von der Seite, die verkauft.
