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Filmfestivals: Venedig 1932, Cannes 1946, Berlin 1951

5 Min. LesezeitMedien
Filmfestivals: Ein Blick hinter die Kulissen
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Zusammenfassung

Die drei wichtigsten Filmfestivals der Welt sind allesamt politische Gründungen. Venedig entstand 1932 im faschistischen Italien und verlieh von 1934 bis 1942 die Coppa Mussolini. Cannes wurde 1939 ausdrücklich als französische Gegenveranstaltung geplant und fiel dem Krieg zum Opfer. Die Berlinale kam 1951 dazu, mitten in der geteilten Stadt. Wer heute über rote Teppiche schreibt, erzählt die Fortsetzung einer Auseinandersetzung, die mit Kino wenig zu tun hatte.

Die drei wichtigsten Filmfestivals der Welt sind allesamt politische Gründungen. Venedig entstand 1932 im faschistischen Italien und verlieh von 1934 bis 1942 die Coppa Mussolini. Cannes wurde 1939 ausdrücklich als französische Gegenveranstaltung geplant und fiel dem Krieg zum Opfer. Die Berlinale kam 1951 dazu, mitten in der geteilten Stadt. Wer heute über rote Teppiche schreibt, erzählt die Fortsetzung einer Auseinandersetzung, die mit Kino wenig zu tun hatte.

Venedig 1932: das älteste Filmfestival der Welt

Die ersten Filmfestspiele liefen vom 6. bis 21. August 1932 unter dem Namen Esposizione Internazionale d'Arte Cinematografica, eingebettet in die Biennale di Venezia, die Kunstausstellung der Stadt. Damit ist Venedig das älteste Filmfestival überhaupt, und es gehört bis heute zu den drei bedeutendsten.

Die Gründung fiel in die faschistische Zeit, und der Hauptpreis machte daraus kein Geheimnis: Von 1934 bis 1942 wurde die Coppa Mussolini vergeben. 1933 fiel das Festival aus, ebenso von 1943 bis 1945. Seit 1947 geht der Hauptpreis an einen einzigen Film, seit 1949 heißt er Goldener Löwe. Seit 2012 leitet Alberto Barbera das Festival.

Cannes wurde 1939 als Gegenveranstaltung geplant

Die französische Antwort auf Venedig entstand auf Betreiben des Kulturministers Jean Zay. Eine Notiz von 1939 belegt die Absicht, eine eigene Alternative zu schaffen, und nennt als mögliche Orte Biarritz, Cannes oder Nizza. Der erste Termin war für 1939 vorgesehen.

Dazwischen kam der Zweite Weltkrieg. Die ersten Filmfestspiele von Cannes fanden deshalb erst vom 20. September bis 5. Oktober 1946 statt, sieben Jahre später als geplant. Die Goldene Palme gibt es seit 1955, entworfen von der französischen Juwelierin Lucienne Lazon. Sie löste den bis dahin vergebenen Grand Prix ab.

Die Berlinale begann 1951 mit einem Hitchcock im Sommer

Das dritte der großen Festivals ist das jüngste. Die ersten Internationalen Filmfestspiele Berlin liefen vom 7. bis 16. Juni 1951. Eröffnet wurde am 6. Juni 1951 mit Alfred Hitchcocks "Rebecca".

Zwei Dinge daran sind heute vergessen. Erstens fand die Berlinale bis 1978 im Sommer statt, der Wechsel in den Februar geht auf den Festivalleiter Wolf Donner zurück, der ab 1979 im Amt war. Zweitens entschied über den Goldenen Bären anfangs nicht eine Jury, sondern das Publikum. Erst ab 1956 vergab ihn eine internationale Jury.

Festivalerstes JahrHauptpreisseit
Venedig1932Goldener Löwe1949, davor Coppa Mussolini 1934 bis 1942
Cannes1946, geplant 1939Goldene Palme1955, davor Grand Prix
Berlin1951Goldener Bär1951, bis 1955 durch Publikumswahl

Bezahlt hat die Berlinale die amerikanische Besatzungsbehörde

Der Anstoß kam nicht aus Berlin. Initiator war Oscar Martay, Film Officer der Militärregierung der Vereinigten Staaten. Er finanzierte die ersten Festspiele über Darlehen der amerikanischen Besatzungsbehörde. Das Motto lautete "Schaufenster der freien Welt", und es war wörtlich gemeint: Das Festival sollte die westliche Filmkultur als Gegenprogramm zur sowjetisch besetzten Zone vorführen.

Wie ernst dieser Auftrag genommen wurde, zeigt sich an den Jahreszahlen der Gegenrichtung. Ein sowjetischer Film lief erstmals 1974 im Programm, "Mit dir und ohne dich" von Rodion Nachapetow. Ein Film aus der DDR folgte 1975, es war "Jakob der Lügner". Das sind 23 beziehungsweise 24 Jahre nach der Gründung, und möglich wurde es erst durch die Ostpolitik unter Willy Brandt.

Man kann die Berlinale deshalb als Kulturveranstaltung beschreiben oder als Instrument. Die Daten sprechen für beides: Ein Festival, das ein Vierteljahrhundert braucht, um Filme aus dem Land jenseits der eigenen Stadtgrenze zu zeigen, hatte offensichtlich einen anderen Zweck als die Sichtung des Weltkinos.

Die Berlinale ist das größte Publikumsfestival

Hier trennen sich die drei deutlich, und zwar nicht in der Bedeutung, sondern in der Bauart. Cannes und Venedig sind Fachveranstaltungen, zu denen normale Kinogänger kaum Zutritt haben. Die Berlinale verkauft Karten an jeden.

Kennzahl der BerlinaleWert
verkaufte Eintrittskartenmehr als 325.000
Kinobesuche insgesamtrund 490.000
Fachbesucherrund 16.000 aus 130 Ländern
Journalistenetwa 3.700 aus mehr als 80 Ländern
gezeigte Filmemehr als 400 in verschiedenen Sektionen

Mehr als 325.000 verkaufte Karten sind eine Hausnummer, die kein anderes A-Festival erreicht. Zum Vergleich aus einer ganz anderen Ecke: Das Wacken Open Air, das größte deutsche Metalfestival, kommt auf 85.000 Besucher, nachzulesen auf dieser Seite unter Musikfestivals in Zahlen. Die Berlinale verkauft also fast das Vierfache an Tickets, allerdings verteilt auf mehr als 400 Filme in mehreren Sektionen und viele Spielstätten statt auf ein Gelände.

Was die Zahlen über die Bauart verraten

Die 16.000 Fachbesucher und 3.700 Journalisten sind der eigentliche Zweck. Ein Festival dieser Größe ist zuerst ein Marktplatz: Hier werden Filme an Verleiher verkauft, Koproduktionen angebahnt und Starttermine abgestimmt. Der rote Teppich ist die Werbeabteilung dieses Marktplatzes, nicht sein Inhalt.

Daran lässt sich auch ablesen, warum ein Festivalpreis wirtschaftlich zählt. Ein Goldener Bär oder eine Goldene Palme ist für einen Film ohne großes Werbebudget die einzige Möglichkeit, in 130 Ländern gleichzeitig wahrgenommen zu werden. Der Preis ersetzt eine Werbekampagne, die sich niemand leisten könnte.

Drei Gründungen, drei politische Aufträge

Fasst man die Anfänge zusammen, ergibt sich ein Muster, das in Festivalbroschüren selten steht. Venedig entstand als Prestigeprojekt eines faschistischen Staates und benannte seinen Preis nach dessen Diktator. Cannes entstand als Gegenveranstaltung dazu, betrieben von einem französischen Minister. Berlin entstand 1951 in einer Stadt, die sechs Jahre nach Kriegsende zwischen zwei Systemen lag.

Alle drei sind aus diesem Ursprung herausgewachsen, aber die Bauform ist geblieben: staatlich angeschoben, national aufgeladen, international ausgerichtet. Ein Filmfestival ist deshalb nie nur eine Reihe von Vorführungen. Es ist eine Veranstaltung, mit der ein Land etwas über sich behauptet, und der Wettbewerb der drei untereinander ist die älteste laufende Auseinandersetzung dieser Art.

Warum das Datum im Kalender wichtiger ist als der Preis

Der letzte Punkt ist der praktischste. Venedig liegt Ende August bis Anfang September, Cannes im Mai, Berlin seit 1979 im Februar. Diese Verteilung ist kein Zufall, sondern eine Aufteilung des Jahres.

Ein Festival im Februar bedient das Frühjahrsgeschäft der Kinos, eines im September steht am Anfang der Zeit, in der amerikanische Studios ihre Anwärter für die Oscar-Verleihung ins Rennen schicken. Wolf Donners Verlegung der Berlinale vom Sommer in den Februar war deshalb keine Frage des Wetters, sondern der Positionierung im Kinojahr. Es ist die gleiche Überlegung, mit der eine Plattenfirma entscheidet, wann eine Platte erscheint.

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