Das Wort Podcast stammt aus einem Zeitungsartikel vom Februar 2004 und war ein Vorschlag unter mehreren. Zur Auswahl standen auch Audioblogging und GuerillaMedia. Durchgesetzt hat sich das Wort mit dem Gerät im Namen, obwohl die Technik dahinter mit dem Gerät nichts zu tun hat und ohne dieses Gerät bis heute funktioniert.
Ben Hammersley erfand das Wort im Februar 2004
Der britische Journalist Ben Hammersley, damals Kolumnist des Guardian und später bei der BBC, brauchte Anfang Februar 2004 in einem Artikel eine Bezeichnung für ein neues Phänomen: selbst produzierte Radiosendungen, die man sich automatisch auf den Rechner laden konnte. Er schlug drei Namen vor. Podcast setzte sich durch, Audioblogging und GuerillaMedia nicht.
Die Wortbildung ist eine Verschmelzung aus iPod und Broadcast, und sie ist irreführend. Ein Podcast brauchte nie einen iPod, und schon damals hörten die meisten Menschen die Dateien am Rechner. Ein Firmenname ist in die Bezeichnung eines ganzen Mediums geraten, ohne dass die Firma dafür etwas getan hätte. Apple hatte zu diesem Zeitpunkt mit der Sache noch nichts zu tun.
Die Technik war ein Anhang an ein Nachrichtenformat
Erfunden werden musste nichts Neues. Die Grundlage ist RSS, ein Format, mit dem Webseiten ihre neuen Beiträge maschinenlesbar melden, damit ein Leseprogramm sie automatisch abholen kann. Tristan Louis schlug im Oktober 2000 vor, an diese Meldungen Dateien anzuhängen. Der Softwareentwickler Dave Winer, einer der Urheber von RSS, baute das ein.
Damit war alles vorhanden: eine Datei, eine Adresse, eine automatische Abholung. Adam Curry startete im August 2004 die Sendung "Daily Source Code", warb dort für andere Sendungen und machte das Verfahren bekannt. Ein Medium, für das es keine Sendelizenz, keinen Sendemast und keine Frequenz braucht, war damit fertig, und zwar aus vorhandenen Bauteilen.
| Jahr | Schritt |
|---|---|
| Oktober 2000 | Tristan Louis schlägt vor, Dateien an RSS-Meldungen anzuhängen |
| Februar 2004 | Ben Hammersley schlägt im Guardian das Wort Podcast vor |
| August 2004 | Adam Curry startet "Daily Source Code" |
| Juni 2005 | Apple nimmt mit iTunes 4.9 Podcasts offiziell auf |
| 3. Oktober 2014 | "Serial" erscheint und wird zum Massenphänomen |
Apple kam erst 2005 dazu, und dann entschied es alles
Im Juni 2005 baute Apple mit iTunes 4.9 die formale Unterstützung für Podcasts ein. Ab diesem Moment brauchte niemand mehr ein eigenes Zusatzprogramm zum Herunterladen. Das ist der eigentliche Wendepunkt, und er zeigt ein wiederkehrendes Muster: Die Erfindung stammt von Einzelnen, die Verbreitung von einem Verzeichnis.
Wer im Verzeichnis steht, wird gefunden. Wer nicht darin steht, existiert praktisch nicht. Dieselbe Rolle spielten die Verkaufscharts für die unabhängigen Labels ab 1980 und das Regalfach Weltmusik ab 1987, nachzulesen auf dieser Seite unter Indie-Musik und Weltmusik. Ein offenes Format allein reicht nie, es braucht eine Liste, in der man vorkommt.
"Serial" bewies 2014, dass sich damit ein Massenpublikum erreichen lässt
Zehn Jahre lang blieb das Medium eine Sache für Interessierte. Am 3. Oktober 2014 erschien "Serial", eine Abspaltung der Radiosendung "This American Life", produziert von Sarah Koenig und Julie Snyder. Die erste Staffel erzählte in zwölf Folgen zwischen dem 3. Oktober und dem 18. Dezember 2014 einen einzigen Kriminalfall, eine dreizehnte Folge kam am 20. September 2022 dazu.
Die Zahlen: "Serial" war der schnellste Podcast, der im Verzeichnis von Apple fünf Millionen Abrufe erreichte, und stand schon vor dem Erscheinen der ersten Folge auf Platz 1. Bis zum 9. Februar 2015 kam die erste Staffel auf über 68 Millionen Abrufe.
Damit war zweierlei bewiesen. Erstens lässt sich mit langer, aufwendig recherchierter Erzählung ein Millionenpublikum erreichen, also mit genau dem Gegenteil der kurzen Formate, die man dem Internet zuschrieb. Zweitens funktioniert die Fortsetzungsform: Wer Folge drei gehört hat, kommt zu Folge vier zurück. Das ist die älteste Regel des Rundfunks, nur ohne Sendetermin.
In Deutschland stieg der Höreranteil von 16 auf 43 Prozent
Die deutsche Entwicklung lässt sich an zwei Jahreszahlen ablesen. 2016 hörten 16 Prozent aller Deutschen zumindest gelegentlich Podcasts. 2023 waren es 43 Prozent. Das ist fast eine Verdreifachung in sieben Jahren, und sie fällt genau in die Zeit nach dem Durchbruch von "Serial".
Der Anfang war klein. Im Februar 2006 zählte die deutsche Szene rund 1.300 Podcasts insgesamt. Die öffentlich-rechtlichen Sender stiegen im selben Jahr ein, "SWR2 Wissen" und die Fernsehsendung "Hart aber fair" gehörten 2006 zu den ersten. Ab 2008 boten alle großen Hörfunksender Podcasts an.
| Jahr | Kennzahl in Deutschland |
|---|---|
| Februar 2006 | rund 1.300 Podcasts insgesamt |
| 2006 | erste öffentlich-rechtliche Angebote, darunter SWR2 Wissen |
| 2008 | alle großen Hörfunksender mit eigenen Podcasts |
| 2016 | 16 Prozent der Deutschen hören zumindest gelegentlich |
| 2023 | 43 Prozent |
Bemerkenswert ist dabei die Rolle der Rundfunkanstalten. Ein Format, das ohne Sendelizenz auskommt und gerade deshalb entstanden ist, wurde in Deutschland zu einem erheblichen Teil von genau den Häusern getragen, die eine Lizenz haben. Der Grund ist banal: Sie hatten bereits Studios, Redaktionen und ein Archiv, während alle anderen bei null anfingen.
Das Wort ist geblieben, das Gerät ist weg
Der iPod, der dem Medium den Namen gab, wird nicht mehr gebaut. Die Bezeichnung ist geblieben und beschreibt inzwischen etwas, das mit dem ursprünglichen Verfahren nur noch teilweise zu tun hat: Ein erheblicher Teil dessen, was heute Podcast heißt, wird nicht mehr über einen offenen RSS-Anhang verteilt, sondern liegt exklusiv bei einzelnen Anbietern.
Damit ist der Vorgang derselbe wie bei Walkman und Tempo: Ein Markenname wird zum Gattungsbegriff und überlebt das Produkt. Wie das beim Walkman aussah, steht auf dieser Seite unter Der Sony Walkman.
Was das Format von allen früheren unterscheidet
Die entscheidende Eigenschaft ist nicht der Ton, sondern die fehlende Genehmigung. Für Radio in Deutschland braucht es eine Zulassung, eine Frequenz und einen Sender. Für einen Podcast braucht es eine Datei und eine Adresse, unter der eine Maschine sie abholen kann.
Deshalb ist die Herkunft aus RSS wichtiger als das Wort. RSS wurde für Textmeldungen gebaut, und der Anhang, aus dem alles Weitere folgte, war ein Zusatz. Ein Medium, das heute knapp die Hälfte der deutschen Bevölkerung erreicht, geht auf eine Erweiterung zurück, die im Oktober 2000 als technischer Vorschlag begann. So entstehen die meisten Formate: nicht durch eine Erfindung, sondern durch einen Anhang, den jemand für eine gute Idee hielt.
Warum die Reihenfolge zählt
Vier Jahre vergingen zwischen dem technischen Vorschlag von 2000 und dem Namen von 2004. Ein weiteres Jahr bis zur Aufnahme in das Verzeichnis von Apple. Und dann neun Jahre bis zu dem Fall, der das Medium 2014 in die Massenwahrnehmung brachte.
Vierzehn Jahre von der Technik bis zum Durchbruch, obwohl die Technik von Anfang an vollständig war. Was fehlte, waren nacheinander ein Name, ein Verzeichnis und ein Grund, hinzuhören. In dieser Reihenfolge, und keine der drei Etappen ließ sich überspringen.
